Nachwuchs-Darsteller in "Laconia"

"Das steht dann auf meinem Grabstein"

Die ARD zeigt den U-Boot-Zweiteiler "Laconia" mit Jacob Matschenz und Frederick Lau. Ein Gespräch über die Schauspielergeneration 20 plus.

"Ein bisschen auf die Kacke hauen": der U-Boot-Zweiteiler "Laconia". Bild: dpa

taz: Im ARD-Zweiteiler "Laconia" spielt ihr einen Oberleutnant und einen Funker auf einem deutschen U-Boot im Zweiten Weltkrieg. Was hat euch an den Rollen gereizt?

Jacob Matschenz: Dass man ein bisschen auf die Kacke hauen darf. Als ich gelesen habe, dass ich den Oberleutnant Mannesmann spielen soll und Frederick den Funker Fiedler, dachte ich: Uch, normalerweise wäre das eher umgekehrt.

Frederick Lau: Echt?

Matschenz: Ja, das ist keine Rolle, die ich sonst angeboten bekomme. So ein kantiger Typ.

Lau: Zuerst hört man: Der Dreh ist in Südafrika.

Matschenz: Dann gleich: Ja, okay? Und später: Oh, um was geht es denn eigentlich?

Lau: Nein, natürlich nicht. Wir lesen das Drehbuch schon.

Eure Filmcharaktere sind beide jung, mussten aber schnell erwachsen werden. Wie seht ihr das heute mit dem Erwachsenwerden?

Frederick Lau: Jahrgang 1989, Berlin-Steglitzer aus Überzeugung, stand schon mit 10 Jahren vor der Kamera. Viel Lob bekam er mit 14 für "Wer küsst schon einen Leguan?". 2008 wurde er für seine Darstellung in "Die Welle" mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, für "Neue Vahr Süd" mit Grimme-Preis und Deutschem Comedypreis.

Jacob Matschenz: Jahrgang 1984, Berlin-Pankower aus Überzeugung, ist wie Kollege Frederick Lau Autodidakt. Für "Das Lächeln der Tiefseefische" wurde er 2005 mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. 2008 bekam er den Grimme-Preis für seine Rolle in "An die Grenze". Darin spielte er, wie in "Die Welle", gemeinsam mit Frederick Lau.

Matschenz: Die sind anders schnell erwachsen geworden. Aber wenn ich mir jetzt die Jugend ansehe mit 13, 14, sind die auch schneller erwachsen, als ich es war.

Lau: Auf eine Scheißart und -weise.

Matschenz: Früher gab es noch Prügelstrafe. Jetzt heißt das eher: Wer prügelt wen?

Lau: Das war eine Form von Gehorsam und Disziplin, man wurde trainiert darauf, zu funktionieren. Das gibt es heute nicht mehr.

Matschenz: Doch, wenn du Kinder hast. Schöne preußische Erziehung.

Lau: Nein, nicht so. Aber früher hatte man eine gewisse Art, einander Respekt entgegenzubringen. Nicht: Jeder macht nur sein Ding. Das geht uns verloren.

Wie würdet ihr eure Generation der 20 plus beschreiben?

Matschenz: Da kannst du jetzt ja auch nicht alle über einen Kamm scheren. Wir beide zum Beispiel sind sehr gut erzogen, haben noch Respekt vor dem Alter.

Lau: Ja, das ist eine Art von Stil. Ich wurde erzogen, nicht verzogen. Ich durfte denken, was ich wollte, machen, was ich wollte - und ich habe es auch getan. Trotzdem ist immer etwas geblieben dem Alter gegenüber, der Liebe gegenüber - sich so zu benehmen, wie man sich halt benimmt. Man hat es so mitbekommen. In Pankow war das wahrscheinlich anders damals.

Matschenz: Ich bin ja auch älter als du. Ich hab den Rohrstock noch gespürt damals.

Lau: Wir foppen uns immer, weil ich aus Westberlin komme und er aus dem Osten.

Matschenz: Was Frederick beschreibt, die Freiheit, alles zu tun, was wir wollen, dafür haben wir ja nicht wirklich was geleistet. Eigentlich sind wir eine ziemlich faule Generation. Die meisten gehen eh nicht mehr wählen, die wenigsten demonstrieren. Sie haben nicht mehr das Gefühl, was zu bewirken. Wir sind satt, eine Generation, die alles hat. Du kriegst von allen Seiten suggeriert, du kannst alles machen und alles werden. Kanzler oder Astronaut. Dir steht die Welt offen. Das stimmt nicht. Da siehst du dann eine Generation, die dem ganzen Irrsinn der Medienlandschaft hinterherrennt. Und wir haben zwei Millionen Deutsche, die auf jeden Fall Superstar werden wollen.

Lau: RTL ist die Macht am Bildschirm.

Matschenz: Es ist ziemlich traurig. Wenn du jetzt "Tutti Frutti" ansiehst, dann wirst du ja auch schon rot, aber es wird einfach noch krasser. Vorher war "1984" von Orwell der totale Horrorroman, jetzt gibt es die Was-weiß-ich-wievielte Staffel von "Big Brother". Da fasst du dir an Kopf.

Lau: Um das Jammern zu beenden und was Gutes für uns rauszuziehen: Jacob Matschenz und Atze Lau sind meiner Meinung nach Leute, die für gute Filme stehen und sich nicht verkaufen. Ich achte darauf extrem. Du darfst es nicht unterschätzen, du schmeißt dich selbst weg.

Matschenz: Da geht es um eine Haltung.

Lau: Es geht darum, dass wir verdammt noch mal probieren, was zu machen, was gut ist und den Film erhält. Wir machen Kunst. Wir sind nicht irgendwelche Vögel, die sich verkaufen und Geld einsacken.

Matschenz: Ach, manchmal hab ich schon das Gefühl.

Lau: Ich hatte einmal das Gefühl, dass ich mich verkaufe, und ich hab geweint vor meinem Vater und vor meiner Mutter und gesagt: Ich mache das niemals mehr in meinem Leben. Das ist sechs Jahre her. Und ich fahr damit gut. Lieber Penner als RTL.

Hat eure Filmgeneration irgendein Gemeinschaftsgefühl?

Matschenz: Diese unsere Filmgeneration gibt es ja noch nicht so lange. Angefangen hat es mit "Crazy". Tom Schilling und Robert Stadlober sind unsere Vorreiter. Sie spielten diese jungen Typen, bei denen man aber sah: Die machen sich auch einen Kopf.

Lau: Wir kennen uns mittlerweile fast alle. Es gibt Schauspielkollegen, die ich unglaublich schätze und wirklich liebe - und welche, die man halt nicht mag. Das Gute ist, dass man mit den Guten wieder zusammenarbeitet.

Matschenz: Denen gönnt man es dann auch von Herzen, wenn die Rollen bekommen, für die man selbst auch beim Casting war.

Dann macht doch mal ein bisschen Werbung für den anderen.

Lau: Jacob ist unglaublich zuvorkommend. Der fragt, möchtest du was haben, und springt auf und holt dir was. Mit so einer Leichtigkeit. Wir beide werden oft auf der Straße verwechselt. Ich hab schon so oft mit seinem Namen unterschrieben.

Matschenz: Wir haben irgendwann einen Deal gemacht: Auch wenn jemand ein Foto hinhält, auf dem Frederick drauf ist, egal, ich unterschreibe.

Lau: Aber Jacob hat das letzte Styling der Welt, der hat überhaupt keine Ahnung, wie er sich anzieht. Das ist auch das Großartige. Dem ist es scheißegal. Er ist der letzte Penner eigentlich. Aber ein cooler Penner. Einer, mit dem du quatschen würdest …

Matschenz: … wenn du ihm gerade die Motz abkaufst.

Lau: Der ist so Pankow, der Typ.

Matschenz: Frederick Lau ist Steglitz. Nein, im Ernst, er ist eine Naturgewalt. Der Typ sitzt die ganze Zeit am Set und macht nur Flachs, und dann macht er ein Licht an, und, ganz ehrlich, es gibt ganz Wenige, die dieses Licht haben und das so verfügbar anmachen. Auch nach vier, fünf Takes noch. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund.

Gibt es im Fernsehen genug Rollen für euch?

Lau: Du bist mehr so Fernsehen.

Matschenz: Ja. Let's call me a Fernsehfresse. Aber Fernsehen und Kino mischen sich mehr und mehr. Die meisten Sachen, die wir als Studentenprojekte mitmachen, landen im Kino, sind aber vom SWR oder so gefördert. Sind eigentlich Fernsehproduktionen, die über Festivals den Weg ins Kino schaffen.

Lau: Außer wenn du und ich selber produzieren.

Matschenz: Wenn wir unser ganzes privates Vermögen reinstecken, was wir in den Studentenprojekten angehäuft haben, auf den Markt werfen, dann können die alle einpacken.

Wie wichtig sind euch Preise?

Matschenz: Was sagt der Mann mit dem Deutschen Filmpreis, der jüngste Preisträger aller Zeiten? Gebt bei YouTube mal "Frederick Lau" und "Filmpreis" ein. Da seht ihr, wie der sich freut.

Lau: Das hat mich gefreut, weil da Kollegen über mich abstimmen.

Matschenz: Für mich war das immer ein Traum, einmal den Grimme-Preis zu bekommen. Da war ich schon stolz wie Bolle.

Lau: Als beim Grimme-Preis alle Preisträger auf der Bühne standen und das Umarmen losging, bin ich zum Hinterausgang, hab meinen Papa angerufen und gesagt: Papa, das ist doch alles Schwachsinn. Der großartigste Moment in meinem Leben war, als William Hurt mir auf die Schulter klopfte und sagte: Good job, boy. Meine Antwort: Thank you, man. Danach dachte ich: Gott, was sagst du da? Das steht dann auf meinem Grabstein.

Matschenz: Thank you, man?

Lau: Nein. Good job, boy.

Matschenz: Bei mir steht: und tschüss.

"Laconia": ARD, Mittwoch, den 2. November 2011, 20.15 Uhr

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