Flüchtlinge dürfen wiederkommen: "Jetzt können wir die Zukunft planen"

Nach heftiger Kritik an der Abschiebung der Familie Nguyen will das Innenministerium sie zurückholen. Die älteste Tochter Ngoc Lac war allein zurück geblieben.

Darf nun doch weiter in Niedersachsen zusammenleben: die Familie Nguyen. Bild: dpa

taz: Frau Nguyen, es war schwierig, Sie zu erreichen. Ihr wievieltes Interview heute ist das?

Ngoc Lan Nguyen: Ich glaube, das fünfte. Aber ich freue mich so, ich kann das immer wieder erzählen, wie es gestern war.

Wie war es denn?

Abends hat mich ein Journalist angerufen, der wusste schon vorher, dass der Innenminister später im Fernsehen sagen würde, dass meine Familie zurückkommen darf. Da war ich sprachlos, ich konnte damit gar nicht umgehen. Ich bin auf die Straße und habe herumgeschrien.

Als ihre Familie letzte Woche ohne Vorankündigung abgeschoben wurde, mussten Sie die gemeinsame Wohnung verlassen. Wo leben Sie jetzt?

Ich bin bei einer Freundin untergekommen. Aber wenn meine Eltern wieder da sind, gehen wir wieder in die alte Wohnung. Alle Sachen und Möbel sind ja noch da drin.

Kann Ihr Vater auch seine Arbeit wieder aufnehmen?

1992 kam das Ehepaar Nguyen als Asylbewerber aus Vietnam nach Deutschland. Ihr Antrag wurde abgelehnt, seither lebten sie in Hoya (Landkreis Nienburg) als Geduldete.

Zwei Kinder wurden hier geboren, eine Tochter nachgeholt. Der evangelische Landesbischof nannte die Familie ein "Paradebeispiel gelungener Integration".

Jahrelang drohte ihnen die Abschiebung. Am 8. November wurden die Eltern und zwei Kinder ohne Vorankündigung im Morgengrauen abgeholt und nach Hanoi geflogen.

Nach heftiger Kritik, auch aus den Reihen der CDU, entschied das Innenministerium am Dienstag, dass die Nguyens zurückkehren sollen.

Ja. Sein Chef hat gesagt, er kann sofort wieder arbeiten.

Wo ist ihre Familie jetzt?

Sie ist in Hanoi bei einem Onkel untergekommen.

Das niedersächsische Innenministerium hat seine Kehrtwendung auch damit begründet, dass es ihrer Familie in Vietnam schlecht gehe. Inwiefern?

Ich habe sie am Tag nach der Abschiebung dort angerufen. Meine Mutter war immer noch sehr erschrocken. Alles habe sich verändert. "Wir kommen hier nicht klar", hat sie gesagt. Alles war eine Riesenumstellung. Und für meine Geschwister ist es besonders schlimm - die waren ja noch nie da. Meine Schwester ist in der dritten Klasse, mein Bruder ging hier in den Kindergarten. Sie vermissen natürlich ihre Freunde.

Sie wurden als einzige nicht abgeschoben, weil eine Altfallregelung für sie griff. Wären Sie auf Dauer allein hier geblieben?

Ich weiß es nicht, ich habe mich damit noch gar nicht befasst. Ich habe immer noch daran geglaubt, dass meine Familie irgendwie zurück kommt. Jetzt können wir endlich die Zukunft planen.

Wie soll ihre Zukunft denn aussehen?

Ich musste meine letzte Arbeit aufgeben. Als Geduldete durfte ich dort nur kurz bleiben. Ich habe nach der elften Klasse als Aushilfe in einer Kinderklinik in Hannover gearbeitet. Aber das war keine gelernte Tätigkeit. Jetzt habe ich eine Aufenthaltserlaubnis und möchte eine Ausbildung als Bankkauffrau machen.

Wissen Sie schon, wann ihre Familie wieder hier sein wird?

Nein, keine Ahnung. Sie müssen sich erst einen Pass besorgen und bei der deutschen Botschaft ein Visum beantragen.

Ihre Familie dürfte gerettet haben, dass sie als besonders gut integriert gilt. Was denken Sie über die Abschiebung anderer langjährig geduldeter Familien, die keine Jobs haben, und nicht ähnlich gut Deutsch sprechen?

Unsere gute Integration ist bestimmt ein Grund, dass meine Familie wiederkommen darf. Es wird ja schließlich auch immer Integration erwartet. Was andere Familien angeht, die auch lange hier sind: Die Kinder integrieren sich sowieso, das passiert ja ganz automatisch. Und die Eltern … man kann denen ja auch Angebote machen, etwa Deutsch zu lernen.

Sind Sie Uwe Schünemann einmal persönlich begegnet?

Ja, vor fünf Jahren, als wir im Kirchenasyl waren. Unterstützer haben tausende Postkarten für unser Bleiberecht gesammelt, ich habe sie ihm dann zusammen mit Freunden im Landtagsgebäude übergeben und ihn gefragt, warum wir weg sollen. Aber es war keine schöne Begegnung. Er ist nicht weiter auf uns eingegangen.

Sind Sie ihm jetzt dankbar?

Ja, natürlich. Ziemlich überrascht, aber dankbar.

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