Hommage an das Horror-Genre: Die Propaganda des Satans

In seinem Romandebüt "Das Fest des Monsieur Orphée" setzt Javier Márquez Sánchez den blutigen Hammer-Filmen der fünfziger Jahre ein Denkmal.

"Das Fest des Monsieur Orphée": geradlinig erzählt wie ein Horror-Thriller und Spaß zu lesen macht es auch noch. Bild: Walde + Graf

Die Kirche wusste es schon immer: Filme sind des Teufels. Dass das Kino sich zu Verführungszwecken prächtig eignet, machten sich aber auch Diktatoren, Werbeleute oder Hollywood-Produzenten ohne satanische Ambitionen immer wieder zunutze. Und dass das Kino einer der Königswege zu Unbewusstem aller Art ist, gilt längst als Allgemeinplatz.

Im Herzen des Unbewussten spielen sich in der Regel auch die Dinge ab, die Angst machen, das Unheimliche hat hier ebenso seinen Platz wie das Grauen. Um Letzteres geht es in Javier Márquez Sánchez Debütroman "Das Fest des Monsieur Orphée", den der spanische Filmkritiker im England der späten Fünfziger ansiedelt.

Dabei mischt er Fiktion sehr schön mit Fakten: Das Unternehmen Hammer Films plant eine Neuverfilmung des "Frankenstein"-Stoffs mit Peter Cushing in der Titelrolle. Bei seiner Vorbereitung für "Frankensteins Fluch" soll der Schauspieler sich mit dem "Grauen an sich" vertraut machen, denn nichts Geringeres möchte die Produktionsfirma auf die Leinwand bringen.

Javier Márquez Sánchez: "Das Fest des Monsieur Orphée". Walde + Graf, Zürich 2011, 407 Seiten, 24,95 Euro

Der empfohlene Experte für die dunkle Seite der menschlichen Seele, ein gewisser Professor Aberline, wird im Verlauf der Handlung allerdings nicht nur Cushing beim Einstudieren seiner Rolle behilflich sein, sondern auch der Polizei mit Rat zur Seite stehen, als diese sich mit einer Reihe unerklärlicher Gräueltaten konfrontiert sieht.

Wie sich bald herausstellt, stehen die Taten in Zusammenhang mit einer alten Filmrolle, die der Teufel höchstpersönlich produziert haben soll. Alle, die den Film sehen, tun unmittelbar danach bestialische Dinge. Die Ironie der Geschichte ist, dass die Polizei auf der Rolle überhaupt keine Bilder findet.

Ein besseres Bild für die perfekte Propaganda hätte Sánchez kaum wählen können: Der Teufel verführt nicht als Person, sondern mit einer Filmrolle. Deren Bilder entstehen erst bei der Projektion im Zuschauer, um ihn unwiederbringlich zu manipulieren.

Die beiden Parallelhandlungen beginnen sich schon bald zu überschneiden, sodass Cushing unfreiwillig in die Ermittlungen mit hineingezogen wird und sich bald allerlei extremen Formen des Grauens ausgesetzt sieht, wobei er selbst nur mit Not dem Tod entgeht.

Lustigerweise geriet "Frankensteins Fluch", den Hammer Films tatsächlich im Jahr 1957 unter der Regie von Terence Fisher mit Peter Cushing - und Christopher Lee als Monster - drehten, weniger zu einer Neudefinition des Grauens als zu einem viktorianischen Moralstück über skrupellose menschliche Hybris, wobei allerdings auch einige dezent unappetitliche Kunstbluteffekte in Farbe zum Einsatz kamen.

Das Genre reflektieren

"Das Fest des Monsieur Orphée" ist geradlinig erzählt wie ein Horror-Thriller und macht Spaß zu lesen. Vereinzelt flicht Sánchez Reflexionen über das Genre in die Dialoge seiner Protagonisten ein, ohne sich groß mit deren Charakterzügen aufzuhalten.

Einzig der zaudernde Melancholiker Cushing erhält als Figur ein wenig schärfere Umrisse, das restliche Personal steht ausschließlich im Dienst der Handlung. Die treibt der Autor zielstrebig voran, baut der Spannung halber einige Wendungen ein und konzentriert sich im letzten Drittel ausschließlich auf die Lösung des "Falls".

Über das Buch verteilt begegnet man diversen Zitaten aus Horror-Klassikern. So tauchen unvermittelt Raben und schwarze Hunde auf, die den Menschen übel mitspielen, ähnlich wie in den "Omen"-Filmen aus den Siebzigern. Auch George A. Romeros Zombies haben einen Cameo-Auftritt, wenn in einer Szene der Hauptsitz von Scotland Yard plötzlich von hunderten Obdachlosen gestürmt wird, die wie ferngesteuert die Polizisten attackieren und ihnen mitunter Bisswunden zufügen.

Für die deutsche Übersetzung hat der Zürcher Verlag Walde + Graf eine liebevolle Ausstattung gewählt. Der feste Einband mit Prägung erinnert in seiner reißerischen Schwarz-Rot-Gelb-Aufmachung an Edgar-Wallace-Romane, im Vorsatz werden die "Hauptdarsteller" im Stil eines Horrorfilmvorspanns angekündigt, ergänzt um zahlreiche finstere Illustrationen im Inneren des Buchs. Sogar an ein rotes Leseband und auf den Kopf gedrehte Seitenzahlen wurde gedacht.

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