Kolumne Männer

Deutschlandfunk unter der Dusche

Auch Männer sterben ungern eines gewaltsamen Todes.

Neulich beim Duschen wäre ich fast ertrunken. Das hätte ich bedauert, sofern man seinen eigenen Tod bedauern kann. Denn obwohl ich ein Mann bin, ziehe ich an den meisten Tagen das Leben dem Totsein vor.

Ertrunken wäre ich beinahe, weil ich unter der Dusche den Deutschlandfunk hörte. Dieser triste Tagesbeginn verdeutlicht vielleicht, dass es Momente gibt, in denen ich dem Tode näher bin als dem Leben. Eine Sprecherin des grundseriösen Radiosenders berichtete von einem Prozess, in dem ein US-Marineinfanterist angeklagt war, 2005 in der irakischen Stadt Haditha 24 Menschen getötet zu haben.

Wiederholt betonte die Frau im Radio, bei dem Massaker seien "auch unbewaffnete Frauen und Kinder erschossen" worden. Da seufzte ich, richtete den Blick gen Himmel – und schluckte Wassermengen, mit denen sich in irakischen Gefängnissen sicher ausführliche Geständnisse erwirken lassen.

Die Deutschlandradio-Meldung basierte auf einem Bericht der Nachrichtenagentur dapd vom selben Tag. Darin heißt es: "Der Einsatz in Haditha, bei dem auch unbewaffnete Frauen und Kinder erschossen wurden, gilt als eine Schlüsselsituation im Irakkrieg. Danach wurden die Regeln für die Einsätze der US-Soldaten verschärft." Vermutlich wurde seither strikt darauf geachtet, nur noch unbewaffnete Männer zu erschießen.

Der Gedanke, dass auch Männer eher ungern eines gewaltsamen Todes sterben, scheint noch immer viele zu irritieren. Erst wenn bei einer Bluttat auch Frauen und Kinder ihr Leben verlieren, wirkt diese auf manche Beobachter ausreichend willkürlich, barbarisch und sinnlos. Der kluge Publizist Max Goldt schrieb schon vor Jahren vom kurzsichtigen Missverständnis, demzufolge permanent "die Kinder am meisten darunter leiden".

Dabei leidet jener am meisten unter Gewalt, der ihr am unmittelbarsten und schutzlosesten ausgeliefert ist. Das kann ein blondgelocktes, kulleräugiges Mädchen auf dem Dreirad sein, das später mal Ärztin werden wollte. Gegebenenfalls mag dies aber auch ein Mann sein: ein Zivilist, ein Soldat, sogar ein grimmiger, Zigarre rauchender, glatzköpfiger Hüne mit Tom-Selleck-Schnauzbart und "I fuck on the first date"-T-Shirt.

Die Organisation Iraq Body Count Project hat errechnet, wie viele Menschen infolge des Irakkriegs gestorben sind. Vom Invasionsbeginn im März 2003 bis zum März 2005 starben die meisten Personen. Der NGO zufolge waren in dieser Zeit unter den zivilen Toten 10 Prozent Kinder und knapp 9 Prozent Frauen. Und mehr als 81 Prozent Männer. Trotzdem mangelt es an Mitleid.

Das hat damit zu tun, dass Männer noch oft pauschal als Angehörige eines "Tätergeschlechts" betrachtet werden, sich gar mitunter selbst so sehen. Und mit den zähen Nachwirkungen eines soldatischen Männlichkeitsbilds: Männer haben sich zu freuen, im Kampf ihr Leben zu riskieren. Folglich sind sie selbst schuld, wenn sie es dort verlieren. Selbst als Zivilist.

Am Tag meiner Nahtoddusche sollten mir noch einige Menschen gehörig auf die Nerven gehen. Darunter waren auch unbewaffnete Frauen und Kinder.

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Jahrgang 1976. Seit 2005 bei der taz: erst Berliner Landespolitik-, ab 2008 Bundespolitik-Korrespondent. Schwerpunkte: politische Parteien, Geschichte, Männer & Frauen. Vor Kurzem erschien sein zweites Buch: "Der Film-Verführer - Warum Frauen Action lieben und Männer Romantik wollen". Anfang 2013 veröffentlichte er sein erstes Sachbuch "Milde Kerle - Was Frauen heute alles über Männer wissen müssen" bei S.Fischer/Krüger.

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