Syrischer Frauenrechtler über seine Arbeit: "Niemand interessiert sich für Frauen"

Frauenrechtler Ahmad Mansour über Vergewaltigungen während des Aufstands, das Leben im Untergrund, die Arbeit der Arabischen Liga und mangelnde Aufmerksamkeit.

Was mit Frauen passiert, die nach Demonstrationen verhaftet wurden, interessiert offiziell niemanden in Syrien. Bild: Ugarit News Group/ dapd

taz: Herr Mansour, konnten Sie in Ihre Arbeit für Frauenrechte in den vergangenen Monaten fortsetzen?

Ahmad Mansour: Wir konnten uns nicht mehr um unsere normale Arbeit kümmern. Zwangsverheiratungen, Vergewaltigungen, minderjährige irakische Zwangsprostituierte und unverheiratete Schwangere bekommen keine Aufmerksamkeit, wenn Menschen, auch Frauen, auf den Straßen erschossen werden. Niemand Offizielles schätzt unsere Arbeit, und wir bekommen seit einem halben Jahr keine finanzielle Unterstützung mehr.

Wir arbeiten jetzt als Beobachter und versuchen, zumindest zu dokumentieren, wie viele Frauen während der Aufstände getötet oder vergewaltigt worden sind, wie viele verschwunden sind. Es ist hart, denn die Frauen und Kinder leiden in einer Situation wie der aktuellen in Syrien am meisten. Es ist besonders hart, dass wir die Frauen, die unter diesen Umständen am stärksten leiden, meist nicht direkt erreichen und kaum etwas für sie tun können.

Versuchen Sie sich auch um die Witwen und Familien der getöteten Demonstranten und Kämpfer zu kümmern?

Es gibt einige neue Gruppen, die sich um diese Frauen und Familien kümmern wollen. Wir helfen damit, dass wir Kontakte herstellen und so versuchen, die Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen und ihnen ein wenig zu helfen.

Ahmad Mansour (Name aus Sicherheitsgründen geändert), 36, leitet ein Frauenhilfsprojekt und die einzige Online-Publikation für syrische Frauen in meist familiär bedingten schwierigen Umständen. Aufgrund seiner Publikationen gegen das Patriarchat saß er bereits zwei Jahre im Gefängnis. Ein zivilgesellschaftlich organisiertes Projekt in Damaskus finanzierte bis vor sechs Monaten die Arbeit und auch die Soforthilfe für Frauen und deren Kinder in Not. Mittlerweile kann die Organisation, die sich in Projekten und Workshops seit 2001 um den Aufbau einer Zivilgesellschaft bemühte, die Finanzierung von Mansours Frauenhilfsprojektes nicht mehr leisten. Mansour macht trotzdem weiter.

Wie ist die Lage in Damaskus, ist Militär auf den Straßen stark präsent?

Rings um Damaskus gibt es für das Regime eine rote Linie, wenn sie Damaskus aufgeben, dann ist ihr Ende nicht mehr weit. Überall gibt es zivil gekleidete Mitarbeiter der Sicherheit, die besonders auf den großen Plätzen patrouillieren. Dazu gibt es die Schabiha-Milizen, die richtige Gangster sind. Teils sind verurteilte Straftäter und Gewaltverbrecher unter ihnen, die schon bei kleinen Kundgebungen anfangen zu prügeln. Das Militär steht rings um die Stadt herum, um sicherzustellen, dass keine Aufständischen herkommen.

Gibt es noch genug Wasser, Benzin und Nahrung?

Wasser und Lebensmittel gibt es in den Geschäften noch in ausreichender Menge, aber die Preise sind explodiert. Zum Kochen und zum Heizen brauchen fast alle Syrer Gas, aber das bekommt man nicht mehr auf normalem Wege. Wenn es welches gibt, dann sieht man Hunderte für Gas anstehen, aber viele können es sich einfach nicht leisten. Die Wirtschaft, der Tourismus, alles funktioniert nicht mehr.

Werden die Syrer unter diesen Umständen revolutionsmüde, sehnen sie sich nicht nach Frieden, egal wer der Präsident ist?

Ich glaube, dass der Großteil der Syrer die Revolution will, jedoch nicht um jeden Preis. Die Sorge, dass wir in libyschen oder irakischen Umständen landen, die Angst vor einem echten Krieg ist immens. Und das Regime versucht diese Angst ständig zu schüren, um wieder mehr Rückhalt zu erlangen. Es macht regelrecht Panik vor einem Bürgerkrieg zwischen den Religionsgemeinschaften.

Hat jemand Sie aufgrund Ihrer Arbeit bedrängt oder versucht, einzuschüchtern?

Ja, ich lebe seit drei Monaten versteckt. Ich bewege mich nur sehr vorsichtig, da ich an Demonstrationen teilgenommen habe und man versucht hat, mich festzunehmen.

Was erwarten Sie von der Beobachtermission der Arabischen Liga?

Nichts, denn es bestand keine Chance, dass die Beobachter frei arbeiten konnten. Das Regime hat ihnen nicht gestattet, die Wahrheit zu sehen und ich befürchte, dass diese verfälschten Berichte der Welt ein geschöntes offizielles Bild vermitteln werden.

Erwarten Sie Unterstützung von der NATO oder der EU?

Der NATO vertraue ich nicht, und die EU scheint nicht ernsthaft gewillt zu sein, eine Lösung für uns zu finden. Die NATO kann das Regime stürzen, aber auch die Revolution zerstören. Wir müssen das Regime aus eigener Kraft stürzen.

Wie wirken sich die zahlreichen Embargos auf Syrien aus?

Wir spüren sie. Vieles ist teuer, unerschwinglich oder nicht mehr zu erhalten.

Wie ist die Situation der rund 1,5 Millionen irakischer Flüchtlinge in Syrien, erhalten sie noch Nahrung und die finanzielle UN-Winterhilfe, die es in den letzten Jahren für Gas und Decken gab?

Die Irakis erleben ein schreckliches Déjà-vu, sie fühlen sich in den Irak 2003 zurückversetzt. UNHCR unterstützt sie weiterhin, aber nur mit Bargeld – viel zu wenig bei den gestiegenen Preisen. Früher gab es Nahrungsmittel, nun muss jede Familie mit dem kleinen Geld selbst zurechtkommen.

Haben Sie selbst erhöhte Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz ihres Netzwerkes und ihrer Familie ergriffen?

Natürlich habe ich mich um ein Sicherheitsupgrade meines Computers gekümmert, aber ich weiß nicht, ob ich damit schlauer bin als die Iraner, die unserem Regime die neuen digitalen Überwachungsmaßnahmen zur Verfügung stellen. Jede Familie versucht so gut es geht, auf sich aufzupassen, eher zu Hause zu bleiben, aber ich muss mich trotzdem draußen bewegen, Berichte hören, dokumentieren.

Was würden Sie sich für Syrien wünschen? Und was wünschen Sie sich von der Internationalen Gemeinschaft?

Ich wünschte, das Regime würde aufhören, Menschen zu töten und bald stürzen. Von den Internationalen wünsche ich mir, dass sie den Druck erhöhen, jetzt und sofort.

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