Regisseur von "The Reluctant Revolutionary": "Ich wollte Emotionen wecken"

Der Dokumentarfilmer Sean McAllister über den Jemen, die Revolution, seinen Film "The Reluctant Revolutionary" und dessen Protagonisten - ein Touristenführer.

Szene aus "The Reluctant Revolutionary". Bild: berlinale

taz: Herr McAllister, im Mittelpunkt Ihres Filmes "The Reluctant Revolutionary" steht Kais, ein ganz normaler Jemenit, der mit seiner Familie in der Hauptstadt Sanaa lebt, als Touristenführer arbeitet und um sein wirtschaftliches Überleben kämpft. Warum haben Sie ihn als Protagonisten gewählt und nicht einen der Aktivisten, die von Anfang an bei den Protesten gegen Präsident Ali Abdullah Saleh dabei waren?

Sean McAllister: Für alle meine Filme suche ich einen ganz normalen Typen von der Straße. Ich hatte sechs Monate zuvor von Kais gehört, als ich in Syrien war. Wenn ich einen Film mache, suche ich einen komplexen Charakter an einem interessanten Ort, der seine Wirkung auf das Publikum in England ausübt. Wenn man die Zuschauer der weißen Mittelklasse an einen Ort wie den Jemen mitnehmen will, braucht man einen entsprechenden Protagonisten. Außerdem bin ich an Revolutionären nicht so interessiert.

Sie konnten nicht wissen, dass Kais, der die Revolution zunächst ablehnte, sich ihr später anschließen würde. Haben Sie einfach abgewartet, was passiert?

Zuerst dachte ich, ich hätte Mist gebaut. Als die Revolution ausbrach, schien es die schlechteste Zeit zu sein, einen Film mit jemandem zu machen, der daran nicht interessiert war. Aber ich war interessiert. Bei Dokumentarfilmen gibt es immer diese Ungewissheit.

Sie haben in das Geschehen eingegriffen und Kais überredet, mit Ihnen auf den besetzten "Platz der Veränderung" zu kommen.

wurde 1956 in England geboren. Mit 16 verließ er die Schule und arbeitete in Fabriken. Bis er eine Kamera fand und eine Ausbildung an der National Film School begann. Seit 1996 macht er Dokumentarfilme für BBC und Channel 4, er drehte in Israel, Irak, Japan, Syrien, wo er 2011 auch fünf Tage im Knast saß, und im Jemen.

Darum geht es bei der Auswahl der Hauptperson. In allen meinen Filmen versuche ich, die Situation zu beeinflussen.

Sie spielen also mit Absicht eine aktive Rolle und beschränken sich nicht auf die des Beobachters?

Genau.

Das Publikum sieht alles durch Ihre Augen und wird so in das Geschehen hineingezogen - die Szenen auf dem Platz, die Schüsse, die behelfsmäßige Klinik. War diese Emotionalisierung beabsichtigt?

Das ist mein Stil. Es geht immer um Intimität. Es war meine Absicht, Emotionen zu wecken. Der Film ist mit einer Handkamera gedreht und nicht sauber geschnitten. Die Zuschauer identifizieren sich mit dem, was sie sehen. Das wirkt dann auf die Betrachter so, als hätten sie selbst teilnehmen können.

Bei der Berichterstattung über die arabischen Revolutionen wurde gelegentlich kritisiert, dass die Journalisten zu nahe am Geschehen gewesen seien und ihre professionelle Distanz verloren hätten. Was halten Sie davon?

Ich sehe das nicht so. Wenn ich einen Film mache, gewinne ich gleichzeitig einen Freund. So entsteht eine emotionale Ebene, wenn sich die Zuschauern das ansehen.

Sie und Kais haben eine Menge Dinge zusammen erlebt. An einer Stelle des Films ist Kais nervös und besorgt, er kaut die ganze Zeit Kat und raucht eine Zigarette nach der anderen, weil er Lebensmittel für seine Familie auftreiben muss und Probleme mit seiner Frau hat. Da fragen Sie sich: "Warum sorge ich mich so um Kais?" Wie würden Sie diese Frage jetzt beantworten?

Kais ist mit mir nach Berlin gekommen. Es war meine Absicht, ihm mehr Möglichkeiten zu geben. Ich hätte den Film nicht ohne ihn machen können, und ohne den Film wäre er ein arbeitsloser Touristenführer geblieben. Jetzt ist er ein Filmstar.

Wenn Sie auf Ihre die Zeit im Jemen, wo Sie sich von Januar bis April aufgehalten haben, zurückblicken, was hat Sie am stärksten berührt?

Auf der politischen Ebene war ich nicht darauf vorbereitet, dieses Massaker zu sehen [am 25. März 2011 wurden auf dem Platz der Veränderung in Sanaa 52 Menschen getötet; d. Red.], so viele Leute zu sehen, die vor meinen Augen gestorben sind. Auf der persönlichen Ebene ist es die Freundschaft mit Kais, die während des Filmmachens entstanden ist.

Sie haben gefährliche Situationen erlebt. An einem Tag wurde ein Fotograf getötet, vier ausländische Journalisten wurden deportiert. Da fragten Sie sich, ob Sie bleiben oder gehen sollen. Was war ausschlaggebend für Ihre Entscheidung, zu bleiben?

Es gab sicher das berufliche Engagement. Ich war dabei, einen Film zu drehen, und wenn man der einzige ausländische Journalist in der Stadt ist, will man doch etwas Besonderes machen. Im Wesentlichen war es wegen des Films.

Haben Sie eine kugelsichere Weste getragen, als Sie auf dem "Platz der Veränderung" waren?

Um Gottes willen, nein, nein. Wenn etwas mich umgebracht hätte, dann das …

weil Sie von Geheimdienstlern und Schlägertrupps als ausländischer Journalist zu erkennen gewesen wären.

Was man wirklich brauchte, war eine Kalaschnikow. Ich habe für Kais eine für 100 Dollar gekauft, weil es in seinem Stadtviertel so gefährlich wurde. Das kommt auch im Film vor.

Auch wenn Sie keinen Aktivisten als Protagonisten gewählt haben: Hat Ihr Film nicht trotzdem eine Botschaft?

Ich streite nicht ab, dass ich ein politischer Mensch bin. Der Film hat eine politische Botschaft, aber eine subtilere wegen des Zögerns von Kais und der Geschichte seiner Veränderung. Dadurch wird der Film interessanter.

Sind Sie jetzt, nach dem Rücktritt Salehs, mit der Situation im Jemen zufrieden?

Absolut, das ist großartig. Das Problem ist, dass Saleh Immunität garantiert wurde. Das war der Preis, den sie bezahlt haben.

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