Besuch in der Bibliothek

Lebenshilfe in Quadratschrift

Von Hannover aus versendet die Chinesische Leihbücherei ihre Medien deutschlandweit. Einen Lesesaal hat sie nicht, dafür berät sie die Leser auf Chinesisch.

Blickt ihren Lesern von Hannover aus auch mal in die Seele: Bibliotheksleiterin Wai Man Ho. Bild: Christian Wyrwa

HAMBURG taz | Auf der Website gibt es ein schlichtes PDF-Verzeichnis auf Chinesisch: etwa 3.500 Titel; Bücher, Zeitschriften, DVDs und Musik-CDs. Ähnlich schlicht ist das Waschbeton-Gebäude in der Rotermundstraße in Hannover, in dem die Chinesische Leihbücherei sitzt. Funktionelle Räume mit Teppichboden, eine zweireihige Regalflucht, beidseitig mit Büchern bestückt. An der Tür steht „Freundeskreis für Mission unter Chinesen in Deutschland“ (F.M.C.D.). Das ist der Trägerverein der kleinen Bibliothek.

Wai Man Ho leitet die Versandbücherei. Aber damit ist ihre Arbeit nur unzureichend beschrieben. Die persönliche Ansprache ist das Markenzeichen der Bücherei. Die Kunden rufen bei Ho an, und dann geht es schnell um mehr als nur Bücher. Ho kann etwa bei einer Wohnungssuche in einer neuen Stadt helfen – oder sie hat, etwa bei privaten Problemen, eben ein passendes Buch.

„Chinesen sind grundsätzlich sehr verschlossen und sprechen nicht über private Probleme“, sagt Ho. „Ich merke aber, dass sie nach Antworten suchen.“ Ho nimmt ein Buch über Kindererziehung in die Hand und lächelt. „Ratgeber sind sehr gefragt“, sagt die 40-Jährige. „Die Erwachsenen von heute wurden von einer Elterngeneration großgezogen, für die die Kinder einfach da waren und aufwuchsen. Für sie ist es neu, mit Kindern mit viel Geduld und Liebe umzugehen.“

Viele der Ratgeber stammen aus dem christlichen Umfeld, aus einschlägigen Verlagen in Taiwan oder Hongkong. Doch dieses Angebot interessiert auch nicht- oder andersgläubige Chinesen, so Hos Erfahrung. „Da es in China keine offizielle Religion gibt, sind Chinesen einfach sehr offen für Wertvorstellungen jeder Art. Sie denken über den Sinn des Lebens nach“, sagt sie. „Irgendwie vermitteln wir als christliche Organisation, dass sie uns vertrauen können. Viele rufen wieder an.“ Ho beschreibt die christlichen chinesischen Gemeinden in Deutschland als vergleichbar mit den freikirchlichen.

Ho empfiehlt auch Bücher, die von typisch Europäischem handeln, wie etwa von der Zeit des Zweiten Weltkrieges. In „The hiding place“ zum Beispiel erzählt ein Niederländisches Autorenpaar, wie sie Juden halfen und vor Verfolgung retteten. „So eine Art Anne-Frank-Geschichte“, sagt Ho.

Sie hat Politikwissenschaften und Anglistik in Kiel studiert. Dass Ho das kontrovers diskutierte Erziehungsbuch „Die Mutter des Erfolgs“ von Amy Chua nicht kennt, ist sicher auch charakteristisch für diese Bibliothek, die von praktizierenden Christen für ihre hier lebenden chinesischen Landsleute konzipiert ist. Statt Chuas Rückbesinnung auf die vermeintlich gute Tradition einer strengen Kindererziehung gibt es hier seelsorgerische Erziehungsratgeber. Auch in der Paarbeziehung suchen viele Leser Hilfe.

Einen großen Teil der vorrätigen Titel gebe es nicht als E-Book, sagt Wai Man Ho. Deshalb ist das physische Ausleihen oft die einzige Möglichkeit, und die Nutzerzahlen bleiben über die Jahre konstant – etwa 5.000 Haushalte. Das Gros der Leser ist zwischen 22 und 45 Jahre alt.

Der evangelische Pastor und Missionar Siegfried Glaw gründete die Chinesische Versandbibliothek 1979 in Hamburg, wo er die Bücher zunächst in seiner Wohnung unterbrachte. Anlass waren seine Kontakte zu den Boatpeople der Cap Anamur. Als später die Flüchtlinge aus Vietnam, überwiegend chinesischer Herkunft, über Deutschland verteilt wurden, wollte er ihnen über muttersprachliche Bücher ein Stück Heimat vermitteln.

Heute arbeiten viele Leser in Restaurants. Darunter seien aber auch Wissenschaftler und Mitarbeiter von Firmen, die mit deutschen Unternehmen kooperieren, sagt Ho. Oder sie studieren in Deutschland, überwiegend technische Fächer. Nicht zuletzt wegen der weiten Netzwerke, die sich durch persönliche Kontakte ergeben, wird die Adresse der Chinesischen Bücherei unter den Landsleuten weitergereicht.

Sobald die Leser eine Lesenummer haben, können sie bestellen. Die Bibliothek verschickt die Bücher auf eigene Kosten, die Leihzeit beträgt vier Wochen und kann dreimal verlängert werden. Dann schicken die Leser die Bücher frankiert zurück. Ho bearbeitet mit zwei Helfern 80 bis 100 Buchsendungen pro Woche. Der Finanzbedarf werde rein durch Spenden gedeckt – von den Lesern selbst und aus der Community. Zum Budget will Ho nichts Konkretes sagen. Man vertraue auf Gott, „dass er uns das irgendwie zukommen lässt“. Für die Umstellung auf den Online-Verbund-Katalog (GBV) erhält die Bücherei jetzt erstmals öffentliche Mittel.

Am Ausgang liegen Zeitschriften und Zeitungen, die sich mit farbigen Cartoons an Erwachsene wenden. „Die Chinesen mögen es gerne etwas bunt und kitschig. Nicht so ernsthaft wie die deutschen Zeitungen“, sagt Ho schmunzelnd über das Blatt der europäischen chinesischen Christen. „Da Chinesisch eine Quadratschrift ist, werden Zeitungsartikel bei uns außerdem mal hoch, mal quer gesetzt. Je nachdem, wie es passt. Wir brauchen die Zeitung zum Lesen nicht mal zudrehen.“

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