Architekturbiennale in Rotterdam: Im Urbanen ist alles möglich

Natur bricht in die Stadt ein, Restgrün wird überbaut, eine Stadt geht schier unter. In Rotterdam wird Bedrohliches und Utopisches gezeigt.

Was die Stadt von der Natur träumt: „Yourtopia“ von Bjarne Mastenbroek. Bild: Klaus Englert

Wie lässt sich ein Minimum an Wohnraum mit einem Maximum an Lebensqualität zusammenbringen? Diese Frage stellte sich der holländische Architekt Bjarne Mastenbroek, als er für die diesjährige Rotterdamer Architekturbiennale einen Pavillon entwerfen sollte.

Das Resultat lässt sich jetzt bestaunen: „Yourtopia“ ist eine kuriose Mischung aus Höhle und Paradies. Wer den Grottenschlund hinter sich gelassen hat, betritt einen kreisrunden Wohlfühlraum, aus dessen Mitte Palmen und allerlei tropische Gewächse sprießen. Am Rande baumeln Hängematten von der Decke und wiegen den Besucher in süße Träume.

Es mag überraschen, dass ausgerechnet die Hafenstadt Rotterdam dazu einlädt, innerstädtische Idyllen zu entdecken. Weniger verwundert es, dass Mastenbroek den Pavillon unweit der Kunsthalle errichtete, in der sich die 6. Architekturbiennale dem anspruchsvollen Thema „Urban by Nature“ widmet.

Tatsächlich stimmt „Yourtopia“ mit spielerischem Charme auf den langen, reichlich überladenden Kunsthallen-Parcours ein, der Szenarien einer verstädterten Natur ausbreitet: Mal bricht die Natur in den Stadtraum ein, mal domestizieren ausufernde suburbane Geschwüre das noch vorhandene Restgrün. Alles ist möglich in den urbanen Landschaften.

Urban by Nature, Internationale Architekturbiennale Rotterdam, Kunsthal Rotterdam, bis 24.8.

Erforschung der Stadt

Der Erforschung städtischer Lebensbedingungen hat sich die „Internationale Architekturbiennale Rotterdam“ seit ihrem Beginn vor 11 Jahren verschrieben. Nachdem die Architekturbüros Mecanoo und West 8 die ersten Biennalen zu „Mobility“ und „Flood“ bestritten, betreute man Expertenteams mit der kuratorischen Aufgabe und richtete „Test Sites“ in São Paulo, Istanbul und Rotterdam ein, um mit lokalen Entscheidungsträgern und Stadtteilgruppen besser ortsspezifische Probleme lösen zu können.

Unterstützt wird die langfristig ausgerichtete Arbeit nicht nur von der Rotterdamer Stadtverwaltung und ihrem Bürgermeister Ahmed Aboutaleb, sondern auch vom Niederländischen Ministerium für Infrastruktur und Umwelt. Die Rotterdamer Biennale setzt dabei nicht, wie in Venedig üblich, auf die mehr oder weniger spektakulären Geniestreiche der Großarchitekten.

Die letzte Ausgabe, die der Architecture Workroom Brussels koordiniert hatte, widmete sich dem Planer-Thema „Making City“, während in diesem Jahr mit „Urban by Nature“ die landschaftsarchitektonische Akzentuierung hinzutritt. 96 internationale Projekte werden diesmal auf den zwei Ebenen der Kunsthalle mit Texttafeln, Videos und Modellen präsentiert.

Dirk Sijmons, Kurator und Landschaftsarchitekt an der TU Delft, erinnerte während der Eröffnung an seinen Landsmann Paul Crutzen, der wegen seiner Studien zum Ozonloch 1995 den Chemie-Nobelpreis erhielt.

Energieverbrauch im Anthropozän

Der Niederländer, der am Mainzer Max-Planck-Institut forschte, bezeichnete „die geologische, vom Menschen geprägte Epoche“ als „Anthropozän“. Denn in dieser Epoche, die vor 300 Jahren begann, nahm die menschliche Bevölkerung um das Zehnfache zu, und allein in den letzten hundert Jahren hat sich der Energieverbrauch versechzehnfacht.

Sijmons konstatiert diesen Befund mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mit dem weinenden blickt er nach Jakarta, wo die Verstädterungsdynamik mittlerweile lebensbedrohliche Züge annimmt. Hydrologen vom niederländischen Forschungsinstitut Deltares fanden heraus, dass die asiatische Metropole im Jahresdurchschnitt bis zu 20 Zentimeter absinkt, weil Hochhäuser und Shopping-Malls Unmengen von Grundwasser abpumpen.

Die Wissenschaftler warnen davor, sich mit hohen Dämmen vor den befürchtenden Meeresfluten zu begnügen. Ein technisches Allheilmittel gebe es nicht. Vielmehr sei es höchste Zeit, die besinnungslose Urbanisierung und den Raubbau des Grundwassers zu stoppen.

Trotz dieser apokalyptischen Töne lässt sich Dirk Sijmons nicht beirren. Wenn er mit einem lachenden Auge auf die urbanen Landschaften verweist, in denen sich Stadt und Natur zunehmend durchdringen, dann betont er, dass es für uns kein Zurück gibt, keine Rückkehr zu einem Zustand, in dem beide noch klar voneinander getrennt waren.

Von der Schlafstadt zur Metropole

Die städtische Landschaft, so der Delfter Landschaftsarchitekt, sei heute zum globalen menschlichen Habitat geworden, und es liegt in unserer Verantwortung – nicht in unserer Freiheit –, die Kosten für die Umwelt – und für die menschliche Natur – so weit wie möglich zurückzuschrauben. „Es ist die einzige Hoffnung, die bleibt“, resümiert Sijmons.

Von den zahllosen Biennale-Projekten hob Sijmons besonders zwei hervor. „In Havanna wird jeder freie Quadratmeter auf dem Land und den Dächern zur eigenen Bewirtschaftung genutzt. Im Grunde bleibt den Menschen zum Überleben nichts anderes übrig. Das sind zwar externe Faktoren, aber sie weisen in die richtige Richtung.“ Ein anderes Beispiel ist Almere in der Nachbarschaft von Rotterdam. Die Gemeinde gehörte vor nicht allzu langer Zeit zu den Lieblingsprojekten niederländischer Stadtplaner.

Nach dem Masterplan von Rem Koolhaas sollte sich Almere zuletzt von einer Schlafstadt zur vibrierenden Metropole wandeln. Nachdem der Glaube an derartige Revitalisierungsmythen zerstoben war, setzte man auf die Floriade 2022, eine Art niederländische Bundesgartenschau.

Damit ist die Hoffnung verbunden, die Gartenschau zu einem dauerhaften Laboratorium für nachhaltige Stadtentwicklung zu machen. Einhergehen soll sie mit einer Stadterweiterung, vorgeschlagen vom Büro MVRDV aus Rotterdam, die wie ein großer grüner Teppich bis hinein in den Weerwater-See reicht. „Der MVRDV-Entwurf ist eine radikale Abkehr von den rational-technokratischen Stadtplanungen, mit denen man Almere in den siebziger und neunziger Jahren beglücken wollte“, betont Dirk Sijmons.

Wasser und Suburbia

Es ist nahe liegend, dass sich eine niederländische Architekturbiennale immer wieder mit der Problematik des Wassers auseinandersetzt. Letzteres gilt auch für das Projekt in Arnavutköy, einer schnell gewachsenen Suburbia nördlich von Istanbul. Die Kommunikationswissenschaftlerin Asu Aksoy von der „Testsite Istanbul“ berichtet, in Arnavutköy reifte während eines gemeinsamen Diskussionsprozesses mit türkischen und holländischen Partnern die Einsicht, die Grundwassergefährdung und die dramatische Vernichtung von Agrarland und Waldflächen zu stoppen.

Für die Türkei war das eine ganz neue Erfahrung: „Wir wollen die Abwässer klären und der Landwirtschaft zuführen, um damit die Bodenspekulation und die Urbanisierung zu beenden. Mit dem Vorschlag eines ’green belly‘, eines ’grünen Bauchs‘ in der Mitte, möchten wir die sieben Wasserreservoirs Istanbuls schützen und das urbane Wachstum in die Außengebiete lenken.“

Adriaan Geuze, Leiter des Rotterdamer Büros West 8, ist seit Jahren ein gefragter Experten für den Umgang mit Wasser. Während der Biennale-Eröffnung berichtete er von der „Hurricane Sandy Rebuilding Task Force“, die umgehend nach den Verwüstungen an der amerikanischen Ostküste gebildet wurde. Die Obama-Regierung ließ „Rebuild by Design“ gründen, einen internationalen Architektenverbund, dem auch West 8 angehört, um Lösungsansätze auszuarbeiten. Offensichtlich lassen sich die Amerikaner gerne von holländischen Wasserexperten beraten, wenn es um die bessere Nutzung der bestehenden Ökosysteme geht. So möchte Geuze „blaue Dünen“ – barriereartige künstliche Inseln – vor der Küste errichten, um die Wucht der Stürme rechtzeitig brechen zu können.

„Rebuild by Design“ sprengt den Rahmen der Biennale. Denn in Rotterdam konzentriert man sich mehr auf örtliche Initiativen, etwa auf das Projektatelier „Planet Texel“, das untersucht, wie sich der ökologische Fußabdruck auf der westfriesischen Insel reduzieren lässt. Dirk Sijmons setzt zu Recht auf derartige „Bottom-up“-Initiativen: „Ich habe große Hoffnung, dass die Menschen in den Gemeinden und Regionen nicht darauf warten, was die staatliche Politik irgendwann vorgibt. Sie nehmen ihr Schicksal selber in die Hand und sorgen für eine umweltverträglichere Energieversorgung. Der Anstoß kommt von den Städten, nicht von den Staaten.“

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