Martial-Arts-Film „The Raid 2“: Von Macht und Geldgier verformt

Der derzeit angesagteste Prügelhandwerker kommt aus Indonesien. Iko Uwais spielt in „The Raid 2“ wieder den jungen Polizisten Rama.

In „The Raid 2“ geht es noch um echte Kloppe. Bild: StudioCanal Deutschland

Im Grunde ist der Martial-Arts-Film ein einziger Anachronismus: Wo fast überall sonst im Unterhaltungskino der Gegenwart – schon seit mehreren Jahrzehnten und zunehmend ausschließlicher – digital simulierte, am Computer errechnete Welten dominieren, dreht sich in den vor allem in Asien nach wie vor äußerst erfolgreichen Prügelfilmen alles um knochenbrecherischen Realismus.

Die eingeschworene Fangemeinde legt Wert darauf, dass bei den spektakulären Actionszenen nicht mit gezinkten Karten gespielt wird, dass also die vorgeführten Schlag- und Trittkombinationen nicht nur theoretisch durchführbar sind, sondern auch tatsächlich vor der Kamera durchgeführt wurden, ohne die Unterstützung von Bühnentricks und Spezialeffekten. Jackie Chan zum Beispiel, einer der größten Stars der Szene, wird dafür gefeiert, dass er die Stunts in seinen Filmen allesamt – oft auf Kosten größerer und kleinerer Blessuren – selbst realisiert.

Ein solches Ethos könnte schnell in nerviges Macho-Gehabe umschlagen: die letzten echten Männer, die die letzten echten Filme drehen. Dass das eher selten geschieht, liegt zum einen daran, dass die meisten Martial-Arts-Stars ausreichend selbstironiefähig sind; und zum anderen daran – und das mag sich zunächst komisch anhören –, dass die Gewalt in diesen Filmen vor allem Selbstzweck ist: Es geht bei den Prügeleien erst in zweiter Linie um Vaterland, Familie, Ehre und wo weiter – wichtiger ist die Kampfkunst selbst, ihre Regeln, ihre elegante Ausführung, die Körperbeherrschung, die ihr zugrunde liegt.

Der Kämpfer stellt sein Können vor der Kamera stolz aus, wie ein Handwerker das Produkt seiner Arbeit.

„The Raid 2“. R.: Gareth Evans. Mit Iko Uwais, Julie Estelle, Yayan Ruhian. Indonesien 2014, 150 Min.

Der derzeit angesagteste Prügelhandwerker kommt aus Indonesien: Iko Uwais begann seine Karriere mit Showkämpfen im südostasiatischen Kampfkunststil Silat. Im Jahr 2009 wurde er von Gareth Evans, einem walisischstämmigen Regisseur, den die Liebe nach Indonesien geführt hatte, fürs Kino entdeckt. Die drei Filme, die die beiden seither miteinander gedreht haben, gehören zu den aufregendsten Genrebeiträgen der letzten Jahre.

Insbesondere gilt dies für „The Raid“ aus dem Jahr 2011: Ein ungemein effektiver, klaustrophobischer Thriller, der, fast schon in Echtzeit, eine Polizeirazzia in einem von kriminellen Gangs terrorisierten Mietshaus nachvollzog und unterwegs wie nebenbei das äußerst düstere Bild einer Gesellschaft entwarf, in der alle zwischenmenschlichen Beziehungen ausschließlich über Gewaltakte vermittelt werden.

Totale Isolation

Uwais spielte den jungen Polizisten Rama, der am Ende des Films zwar lebendig davongekommen war, aber nur auf Kosten seiner totalen Isolation: Das organisierte Verbrechen hat es sowieso auf ihn abgesehen, aber auch der Polizeiapparat hat sich als durch und durch korrupt erwiesen.

Das ist der Ausgangspunkt von „The Raid 2“: Weil Rama alle bürgerlichen Sicherheiten verloren gegangen sind, sieht er sich genötigt, einen gefährlichen Undercover-Auftrag anzunehmen. Er schleicht sich in die Gang des Bandenchefs Bangun ein und gerät bald zwischen die Fronten einer blutigen Auseinandersetzung zwischen indonesischen und japanischen Gangstern – eine Paraderolle für Uwais, dessen jugendliches, sanftes Allerweltsgesicht nichts von der explosiven Dynamik verrät, die seinen Kampfstil auszeichnet.

Nur auf den ersten Blick bildet die recht komplexe, sich über den Verlauf mehrerer Jahre entspannende Handlung von „The Raid 2“ einen Gegensatz zum strikt linearen, überschaubaren Plotgerüst des Vorgängers.

Die Luft zum Atmen nehmen

Im Kern geht es in beiden Filmen darum, wie Menschen (beziehungsweise fast ausschließlich: Männer; mit einer spektakulären Ausnahme bleiben auch im neuen Film die Frauen außen vor, warten zu Hause, bei zugezogenen Vorhängen, den Ausgang der Schlacht ab) von Macht- und Geldgier so lange verformt werden, bis sie sich gegenseitig die Luft zum Atmen nehmen. Und in beiden Filmen besteht der einzige Ausweg, das einzige Ventil in fast schon orgiastischen Gewaltexzessen.

Eine unübersehbare Differenz gibt es allerdings doch: „The Raid 2“ dauert knapp 50 Minuten länger als der Vorgänger. Vor allem in der zweiten Filmhälfte folgt eine in epischer Länge durchexerzierte – und mit Vorliebe vor minimalistisch stilisierter Kulisse meisterlich inszenierte – Actionszene der nächsten. Für Fans ist der Film ein einziges Fest. Wer aber nicht zumindest eine kleine Schwäche für den spektakulären Realismus des Martial-Arts-Kinos hat, dürfte sich nach den zweieinhalb Stunden, die Rama benötigt, um den Gangsterclan aufzumischen, gründlich weichgeklopft fühlen.

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