Überwachung

Selfies für Fussballstadien

Die Straftaten in Bundesligastadien gehen zurück. Dennoch rüsten Vereine ihre Stadien mit Kameras auf, die zu Problemen mit dem Datenschutz führen.

Beweisfoto: Der HSV filmt seine Fans, auch wenn er nicht darüber sprechen mag. Bild: Philipp Szyza/imago

HAMBURG taz | Obwohl die Gewalt in den Fußballstadien weniger wird, rüsten die Vereine ihre Sicherheitstechnik auf. Immer häufiger beschaffen sie hochauflösende Kameras, die das ganze Spiel über eingeschaltet bleiben und jeden Zuschauer identifizieren können. In Niedersachsen dürfen solche Videos anlasslos gespeichert werden. Hannover und Braunschweig setzen die Technik bereits ein.

Nach Angaben der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) gehen die Straftaten in Bundesligastadien seit Jahren kontinuierlich zurück. Die Zahl der Straftaten erscheint überschaubar: In der Saison 2012/ 13 besuchten mehr als 18 Millionen Zuschauer die insgesamt 612 Spiele der ersten und zweiten Bundesliga. Laut ZIS kam es dabei zu 1.698 Körperverletzungen, 750 Verstöße gegen das Gesetz für explosionsgefährliche Stoffe und 571 Sachbeschädigungen. Im Schnitt gab es also fast drei Körperverletzungen und weniger als eine Sachbeschädigung pro Spiel zu beklagen. Demnach ist ein Stadionbesuch sicherer als ein Besuch des Oktoberfestes.

300.000 Euro pro System

Dennoch verstärken viele Bundesligisten ihre Sicherheitsmaßnahmen mit besonders hochauflösenden Kameras. Dafür greifen sie tief in die Tasche: Rund 300.000 Euro kosten die Systeme für ein Stadion. Im Unterschied zu normalen Überwachungskameras bestehen diese aus mehreren Objektiven, die auf einzelne Bildausschnitte ausgerichtet sind. Damit können sie große Bereiche scharf aufzeichnen und Menschen in einer Entfernung von bis zu 160 Metern identifizieren. Die Kameras zeichnen ihr Bild in einem weiten Winkel auf und verwenden eine extrem hohe Auflösung.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Modellen bewegt sich die Kamera nicht bei der Aufnahme, sondern zeichnet ihr Bild mit einer festen Einstellung auf und speichert dieses digital. Bei Bedarf kann das Bild am Computer beliebig gespult und gezoomt werden, wie beim Festplattenrekorder im Wohnzimmer. Das bedeutet einen großen Vorteil für die Polizei. Bisher mussten Beamte die Kameras zunächst auf das Geschehen ausrichten, doch dann war es oft bereits zu spät.

Pyrotechnik brennen in der Regel Vermummte ab. Die modernen Kameras nehmen durchgehend auf und erlauben es, die Entstehung von Situationen im Nachhinein zu analysieren. So können kleinste Fehler bei der Verkleidung auffallen und Leuten zugeordnet werden. Vereine und Polizei teilen sich die Arbeit. Die Vereine stellen die Kamerasysteme, die Polizei bedient sie.

Die Arbeitsteilung ist nicht neu und war bisher auch kein Problem. Bei den herkömmlichen Kameras wurde erst aufgenommen, sobald der Verdacht auf eine Straftat bestand. Nun aber wird permanent aufgenommen. Das betreffende Datenschutzgesetz ist Ländersache, was im Norden zu unterschiedlichen Rahmenbedingungen führt. In Hamburg ist es der Polizei verboten Überwachungsvideos anlasslos zu speichern, in Niedersachsen ist dies hingegen erlaubt. Die Aufnahmen dürfen dort für eine Woche gespeichert und ausgewertet werden.

Kein Bedarf bei St. Pauli

Die Folge ist, dass für eine sehr überschaubare Anzahl an Straftätern die Mehrheit der Stadionbesucher eindeutig identifizierbar unter einem Generalverdacht gespeichert werden – nicht nur für einen kurzen Ausschnitt des Stadionbesuches, sondern über die Zeit seines gesamten Aufenthaltes. Aus diesem Grund ist die Technik unter Datenschützern und Juristen umstritten. Auch auf Vereinsseite wird das Thema kontrovers diskutiert.

Der FC St. Pauli investiert lieber in den Stadionausbau und ist mit der vorhandenen Technik zufrieden. Sven Brux, zuständig für die Sicherheit im Millerntorstadion, verweist auf die Leistung der herkömmlichen Kameras. Diese seien auch sehr leistungsfähig und „zeichnen alles auf, wenn sie scharf gestellt sind“. Der HSV äußert sich aus „Datenschutzgründen“ nicht zum Thema Kameraüberwachung.

2013/ 14 verhängte der Deutsche Fußball Bund mehr als 1.7 Millionen Euro Strafen für das Zünden von Pyrotechnik, das Werfen von Gegenständen und das Betreten des Spielfeldes. Hannover ist mit rund 110.000 Euro Spitzenreiter dieser Aufstellung. Braunschweig musste 77.500 Euro zahlen, der HSV 60.000 Euro. St. Pauli kam ohne Strafzahlungen aus.

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