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Lieber subjektive Trugbilder

Ich-Journalismus ist eitel und öde? Das Teilen subjektiver Erfahrungen entspricht den flachen Hierarchien des Netzzeitalters. Und ist obendrein ehrlicher.

Was aus dem Mund kommt, kommt immer aus dem Ich. Bild: trepavica / photocase.de

Heftig schalt neulich Michael Sontheimer in einem taz-Beitrag die Kolleginnen und Kollegen. In deutschen Zeitungen und Magazinen werde „Nabelschau“ betrieben, eitel und narzisstisch dargebotene Banalitäten beherrschten die journalistische Berichterstattung, die diesen Namen kaum mehr verdiene. Indikator für diese Verfallsgeschichte sei die Omnipräsenz des Wortes ich: „Es icht. Es icht immer häufiger in den deutschen Zeitungen und Zeitschriften. Es icht ganz furchtbar“, so Sontheimer.

Aber greift es nicht etwas zu kurz, Qualitätsmängel allein an dem Ich-Wort festzumachen? Gibt es sonst keine Kriterien? Als ob es nicht genügend Journalisten gibt, die ihre Eitelkeit in eine Sprache der Objektivität kleiden. Seit Nietzsches Vernunftkritik ist bekannt, dass der Glaube an ein autonomes Subjekt lediglich einer „grammatischen Gewohnheit“ entspringt.

Sontheimer mag seine Störgefühle ohne die erste Person ausdrücken, den metaphysischen Schrullen der Subjekt-Prädikat-Struktur entkommt er deswegen nicht. Ganz im Gegenteil: Er überhöht das Ich ex negativo und macht es zum Vehikel für einen mehr oder weniger versteckten Traditionalismus und ein gewisses Ressentiment.

Sontheimers polemische Denunziation zielt ganz direkt auf einen Kolumnenjournalismus, wie er auch in der taz gepflegt wird. Allerdings unterschlägt er dessen äußere Bedingungen. Der neue Kolumnismus ist eine Antwort der herkömmlichen Printblätter auf die neue Blogkultur mit ihrem oft anmaßenden Subjektivismus. Deren Popularität stellt den klassischen Edelfederjournalismus radikal infrage.

Legitimationsprobleme herkömmlicher Schreibweisen

Nun mag man die Konvergenz von Blogjournalismus und Printjournalismus opportunistisch finden oder schlicht als Ausdruck einer eitlen „Selbststilisierung“ verdammen. Die Legitimationsprobleme der herkömmlichen Schreibweisen verschwinden deswegen nicht. Denn wer glaubt noch, dass das Herrschaftswissen in den Redaktionen zentralisiert wäre? Das Sharen subjektiver Alltagserfahrungen ist ein Eingeständnis genau dieses Machtverlusts. Journalisten versuchen nicht mehr von oben herab zu schreiben und zeigen, dass ihr Leben genauso trivial ist wie das ihrer Leser.

Dieses Schreiben in flachen Hierarchien kann für manche Leser durchaus eine therapeutische Funktion haben: Ich bin nicht allein. Das darf man zu Recht belanglos und betroffenheitskitschig finden, aber das Phänomen als solches lässt sich nicht unvermittelt personalisieren und den angeblich so eitlen Autoren ankreiden. Es ist das Ergebnis einer neuen Form von Interaktion zwischen Schreibern und Lesern. Selbst dann, wenn Autoren bewusst im Hintergrund bleiben, werden ihre Texte in den Onlineforen heutzutage ad personam adressiert.

Und ist die Alternative – die ich-freie Behauptung dringlicher Objektivitäten und Relevanzen – wirklich so wünschenswert? Ein großspuriger Debattenjournalismus, wie er im „Debattenmagazin“ The European versucht wird, wirkt oft allzu händeringend. In der aktuellen Ausgabe ist „Hitlertainment“ das heiße Thema. Gänzlich ich-frei ist auch der professional style des typischen Spiegel-Artikels.

Der Schwindel der Objektivität

Doch sind diese Texte mit ihren durchschaubaren Skripten tatsächlich besser für den „Ruf des Berufsstands“, um den Sontheimer sich sorgt? Ulrich Raulff liefert in seinem neuen Buch „Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens“ ein passendes Roland-Barthes-Zitat zu diesem Thema: „Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität.“

Wobei Michael Sontheimer gegen Subjektivität an sich nichts einzuwenden hat, vorausgesetzt, sie steht für eine „charismatische, kluge Person, die existenzielle Erfahrungen gemacht hat“. Doch echte Typen gebe es leider kaum noch, denn „Journalisten in Deutschland stammen nahezu ausnahmslos aus dem Mittelstand, gerne ist der Vater oder die Mutter Lehrer“.

Ja ja, wir Mittelschichtschreiber sind alle verweichlicht und verweiblicht. Sontheimer garniert seinen machistischen Klassendünkel dann noch mit einer neokonservativen Volte gegen die „inzwischen hegemoniale Alternativkultur der Siebzigerjahre“. Sehnt sich da jemand nach krasseren Zeiten zurück? Sontheimer mag die Reportagen von Carolin Emcke schätzen, noch lieber wäre ihm wohl aber der heroische Scholl-Latour-Journalismus alter Schule.

Ich ganz persönlich stürze mich lieber narzisstisch ins nächstbeste Stylegewitter, anstatt mich fürs journalistische Stahlgewitter rekrutieren zu lassen.

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