Kurzkritik: Klaus Wolschner über Hamlet

Der Wurm frisst den König

Es ist doch immer wieder schön und beschämend zugleich, wie wortgewaltig der alte Shakespeare schon vor 400 Jahren seine Geschichten vom wirklichen Leben auszuschmücken wusste. Und wie unerschrocken. Wie ein König seinen Weg durch die Gedärme eines Bettlers nehmen kann? Ganz einfach, jedenfalls für Hamlet: „Jemand könnte mit dem Wurm fischen, der von einem König gegessen hat, und von dem Fisch essen, der den Wurm verzehrte.“

Regisseurin Nora Somaini hat mit der Shakespeare Company die alte Geschichte und die alten Sprüche zu einem beinah multimedial gestalteten Märchen auf die Bühne gebracht. Eine riesige Plastikplane füllt das Bühnenbild, die als bewegte flexible Leinwand funktioniert, eine faszinierende dramaturgische Idee. Mit der kleinen Videokamera werden immer wieder verzerrte Detailansichten des Spiels auf die Leinwand geworfen.

Der Hamlet-Darsteller Christian Bergmann erscheint in seinem roten Pullover am Anfang wie einer von der Friedrich-Ebert-Straße, der sich auf die Bühne verirrt hat. Im Laufe des Stückes zieht er die Zuschauer immer mehr in seinen Bann – als Verkünder der Shakespeare-Wahrheiten und als Mann, dessen Irrsinn eine fast schon normal zu nennende Reaktion ist auf die irrsinnige Welt. Dieser Hamlet überzeugte sein Publikum vor allem im zweiten Teil.