bücher für randgruppen

Womit man der „B.Z.“ den Unterschied zwischen Hasen oder Kaninchen erklären könnte: Bücher über Tiere

„Das soll Kunst sein?“, fragte Berlins BILD-Ableger B.Z. Ende Februar mal wieder auf der ersten Seite. Der Künstler Falk Richwien hatte eine mäßig originelle, aber umso spektakulärere Aktion vorgeführt: die Schlachtung eines Kaninchens. Er wollte die Diskrepanz zwischen dem Braten auf dem Teller und der Tötung des Tieres demonstrieren.

Richwiens Gedanke wurde bereits vor vier Jahrzehnten ausgiebigst in Hermann Nitschs „Orgien Mysterien Theater“ angesprochen. Schon deshalb tut mir das Kaninchen Leid. Seltsamerweise war das Wort Kunst dieses Mal in der B.Z. nicht durchgehend in Anführungszeichen geschrieben, so wie auf dem Katalog Entartete „Kunst“ von 1937 und so wie es bei Bedarf heutzutage eben nur noch B.Z. und die BILD tun. Dort ist man offensichtlich davon überzeugt, die Deutungshoheit über das zu besitzen, was Kunst zu nennen sei und was nicht.

Im letzten Jahr hatten die B.Z.-Sachverständigen für Kultur im Kunstraum Kreuzberg mit wochenlangen Hetztiraden gegen die Ausstellung „When Love turns to Poison“ („Kinderpornokunst“) und Françoise Cactus’ Topflappenhäkelpuppe „Wollita“ („Sexpuppe mit gespreizten Beinen“) letztlich zwar weder Polizei noch Staatsanwalt, wohl aber fünfzig Neonazis angelockt. Eine „Kameradschaft Spreewacht“ und die NPD Treptow demonstrierten auf Transparenten mit den Schlagzeilen aus BILD und B.Z. – ein Erfolg, den die Blätter ihren Lesern verschwiegen. Als Nächstes war das Theater dran, nämlich die brasilianische Inszenierung „Krieg im Sertao“ aus São Paulo: „Wie gefährlich ist das Sextheater in der Berliner Volksbühne für Berliner Schulkinder?“, fragte die B.Z., die ihren Innenteil durch Prostitutionsannoncen finanziert. Dazwischen verlieh das Blatt feierlich den B.Z.-Kulturpreis 2006 an den Nagelkünstler Uecker, den Plattendreher Paul van Dyk und den Deutschchansonier Klaus Hoffmann. Während Letzterer beim Festakt den Bronzenen Preisbären im Stil der Fünfzigerjahre entgegennahm, rief er gerührt: „Möge Berlin niemals die Entscheidung über Kultur und Kunst den Banken überlassen!“ Genau, Herr Hoffmann, solche Entscheidungen sollten zukünftig besser im Springerhochhaus vorgenommen werden. Doch zuvor sollte dort geklärt werden, ob es sich beim neuen Kunstskandal um „Kaninchen-Mord“ oder aber „Hasen-Schlachten“ handelt. Offensichtlich hat die Redaktion Probleme, Kaninchen von Hasen zu unterscheiden. Vielleicht könnte da das Werk „275 populäre Irrtümer über Pflanzen und Tiere“ helfen? Der Biologe Ulrich Schmid erklärt darin etwa, dass Fliegen mit Mücken in Süddeutschland verwechselt werden können, weil sie dort „Mucken“ genannt werden. Er verrät, ob der Hase wirklich mit offenen Augen schläft und warum der Wal kein Fisch ist. Aufregend liest sich dieses Sammelsurium von mäßig aufregender Bioprosa leider nicht. Vieles ist einfach allzu bekannt. Dass Gorillas keine gefährlichen Monster sind und Feuersalamander kein Feuer speien, nun ja.

Da empfiehlt sich doch eher ein Blick in den „Karnickelzirkus“, zum Verlagsjubiläum von Wagenbach wieder aufgelegt. Hier endlich wird Spannendes zur Geschichte des Kaninchens, seiner Verbreitung in Literatur und Natur, inklusive acht sizilianischer Kochrezepte ausgebreitet. Ein lehrreiches, amüsantes Kompendium, das uns vor allem auch umfassend über die Unterschiede zum Hasen aufklärt.

Während sich die B.Z. zurzeit verzweifelt mit der Katzen-, äh … Vogelgrippe abmüht, warte ich nun noch darauf, dass der Kolumnist Cord Riechelmann in seiner allwöchentlichen B.Z.-Serie über Stadttiere namens „Berlin Safari“ nicht nur die Leser, sondern vielleicht auch die Redakteure endlich darüber informiert, wo eigentlich der Hase und wo das Kaninchen entlanghoppelt. WOLFGANG MÜLLER

Ulrich Schmid: „275 populäre Irrtümer über Pflanzen und Tiere“. Kosmos Verlag, Stuttgart 2002, 224 S., 14,90 Euro Christiane Jessen und Kora Perle: „Karnickelzirkus“. Wagenbach, Berlin 2004, 144 Seiten, 9,90 Euro