SCHNITTCHEN SIND „AM START“, WENN IN ZEHLENDORF MADONNAS FITNESSCLUB ERÖFFNET WIRD. IN PRENZLAUER BERG SCHWABENHASS AS USUAL

Hartes Workout in der Schicki-Disse

VON KIRSTEN RIESSELMANN

Es hatte alles so …, so großformatig geklungen. „Mit ihrem außergewöhnlichen Design und ihrer überaus edlen Ausstattung sind unsere Clubs für sich genommen schon Kunstwerke. Ihre saubere, moderne und erfrischende Atmosphäre ist wie gemacht für Mitglieder, die hartes Work-out in Verbindung mit luxuriöser Entspannung erwarten“, hieß es auf der Website.

Am Freitagabend war zum „Grand-Opening“ von Madonnas erstem „Hard Candy“-Fitnessclub in Deutschland geladen. Uramerikanisch nach Zehlendorf, in die Clayallee, auf die Truman Plaza. Zur Eröffnung nur geladene Gäste. Madonna selbst könne nicht da sein, schicke aber ihre Personal Trainerin, die „mit dem Hard Candy Dance Team die neuen Addicted-To-Sweat-Kurse“ präsentieren werde. „Schnittchen, Drinks und Musik“ seien auch „am Start“. Der Dresscode des Abends laute „schick“. Man war gewillt zu ignorieren, dass Madonna, die Jeanne d’Arc des unbarmherzigen Selbstbearbeitungsdiktats, ihre Fitness-Kette genannt hat wie der gemeine Internet-Pädophile ein minderjähriges Mädchen mit geschlechtsreifer Ausstrahlung.

Der Einbruch des Realen kam aber noch unbarmherziger. Ein noch unfertiges Shopping-Ensemble mit unechter Travertinverkleidung. Luftballonstaffetten wie bei der Eröffnung eines türkischen Reisebüros. Lange Schlangen unter Heizpilzen vor der Tür, Anmutung D-Klasse-Schickeria-Disse. Überaus unschickes Gedränge auf 2.500 Quadratmetern Studiofläche.

Zwischen Hunderten blitzneuer Kraftmaschinen, Laufbändern, Vibrationsplatten und Cardio-Trainern Tausende Menschen, an deren Existenz man gar nicht mehr geglaubt hatte: die Damen sämtlich blondiert und fedrig durchgestuft, an den Füßen sehr hohe Schuhe, auf der Haut die Resultate eifrigen Sonnenstudiobesuchs. Auf den Schulterpolstern von Bolerojäckchen goldene Stacheln, über den Popos engste Röckchen, die Handtaschen pinkfarben lackiert. Gern getragen auch ein Kleid, das vorn sehr kurz ist und hinten in einer bodentiefen Schleppe aus semitransparentem Tüll auswallt. Die Herren versuchten sich im Habitus des Galans, glotzten aber doch, wenn sich mal wieder eine Traube Tussis vor dem Madonna-Foto am Eingang mit Smartphone selbst ablichtete. Daneben ragten Kabel aus der Wand.

Arne Friedrich war da. Der als einziger Schwerstarbeiter des Abends ständig begaffte polnische Pizzabäcker bestreute in der VIP-Area 120 Pizzen mit roten Zwiebeln und Dosenmais und lehnte schwitzend seine mehlige Pizzaschaufel gegen einen Stapel Stepper. An der Bar fürs Volk wurden ganz, ganz selten ein paar armselige Knoppers und ein Schälchen Nic-Nacs ausgegeben, auf die sich dann alle aasgeierhaft stürzten. Die Getränke kosteten Geld.

Die Präsentation des Kursprogramms dauerte zwei Minuten, die Vorturner stellten dabei ihre Füße auf Stühle und machten mit weißen Handtüchern Oberarmstretching. Irgendwie locker wäre, wenn ich behaupten könnte, ich hätte in Madonnas Fitnessclub ausgelassen mit dem Zehlendorfer Kleinangestelltenmilieu zu Dr. Alban getanzt. Habe ich aber nicht. Stattdessen war ich auf der Suche nach selbstversichernder Heimeligkeit am nächsten Abend in einem Post-Colonial-Theaterstück im HAU und am Sonntag mit arrogantem Kreuzberger Grinseblick im Chi-Chi-Kiez rund um den Helmholtzplatz unterwegs.

Dort bestellte ich in einem nach langer Suche gefundenen Café mit eher rockigem als pastelligem Flair fürs Kleinkind „ein Apfelsaftschorle“ und bekam postwendend zu hören, dass es „eine Schorle“ heiße und jetzt wohl klar sei, dass ich aus Baden-Württemberg komme und sicher Mitschuld trage an der unschönen Verändertheit des Kiezes. Der Start in die Woche geschieht in Demut.