DIE ÄRZTE MÜSSEN IHRE EINKOMMEN UNTEREINANDER BESSER VERTEILEN

Standesdünkel kommt vor dem Fall

Es ist eine alte taktische Frage: Wie holt man am meisten Gehalt für sich raus? Die Klinikärzte setzten auf radikale Klientelpolitik; ihr Marburger Bund wollte nur für die Mediziner verhandeln. Ganz bewusst verweigerte man sich der Solidarität mit den Pflegern und Krankenschwestern, denn das würde den eigenen Tarifabschluss ja nur drücken. Also wollte man nicht gemeinsam mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di verhandeln. Mit dieser Absage an das Solidaritätsprinzip haben die Klinikärzte den bundesweit interessanten Feldversuch gestartet, wie erfolgreich Standespolitik überhaupt sein kann.

Ein bemerkenswertes Ergebnis haben die laufenden Verhandlungen zwischen Klinikärzten und Landesfinanzministern schon erbracht: Ganz ohne das Referenzsystem des Flächentarifvertrages scheint es nicht zu gehen. Zwar hat sich der Marburger Bund mit großem Pomp von Ver.di getrennt – nur um sich jetzt am Ver.di-Abschluss für die Kliniken zu orientieren. Der Marburger Bund will einfach nur 20 Prozent mehr für seine Ärzte.

Diese Forderung klingt noch sehr üppig, doch dahinter verbirgt sich eine Niederlage. Umgerechnet bedeutet es nämlich, dass die Ärzte über drei Jahre verteilt nur etwa 1,8 Prozent mehr bekommen als bei Ver.di. Die geräuschvolle Inszenierung des Standesdünkels hat nicht viel gebracht.

Sehr schmerzhaft lernt der Marburger Bund gerade, dass er weder Ver.di noch die Realitäten ignorieren kann. Krankenschwestern, Pfleger und Klinikärzte teilen sich letztlich denselben Kuchen – nämlich die Fallpauschale, die es pro Patienten gibt. Und diese Pauschalen werden nicht einfach steigen, nur weil die Ärzte mehr verdienen wollen. Die Mediziner können nicht ausblenden, wie es dem Rest der Bevölkerung geht. Schließlich sind das ihre Arbeitgeber – und dort stagnieren die Bruttolöhne. Höhere Beiträge für Krankenkassen sind nicht drin. Der Marburger Bund wird eine Standespolitik der neuen Art betreiben müssen: Er muss innerhalb der Ärzteschaft umverteilen, wenn die jungen Mediziner mehr erhalten sollen.

ULRIKE HERRMANN