DAS DING, DAS KOMMT

Rache für den Weltkrieg

DER POLENBÖLLER verbreitet dieser Tage wieder Angst und Schrecken, vor allem im Boulevard. Darin spiegeln sich vor allem Ressentiments gegen den Nachbarn

Polnisch, das ist im Volksmund immer noch gleichbedeutend mit minderer Qualität

Nicht nur die Hamburger Polizei warnte vor Weihnachten wieder vor gefährlichen illegalen Feuerwerkskörpern. Schon 160.000 Exemplare seien beschlagnahmt worden. Der Begriff „Polenböller“ sei laut Polizei in Anbetracht der Sprengstoffmenge allerdings „gefährlich verniedlichend“, denn bei der Explosion bestehe Lebensgefahr. Damit hat die Polizei das P-Wort auf eine Weise, die sie für elegant halten mag, gesagt und irgendwie auch nicht gesagt.

Wie kommt es eigentlich zu dieser Bezeichnung? Vermutlich kamen Knallkörper, die hierzulande nicht zugelassen sind, im größeren Stil erstmals 1989 von Polen aus im kleinen Grenzverkehr nach Deutschland. Aber den Siegeszug des abwertenden Begriffs erklärt das noch nicht. Der „China-Böller“ hat keinen negativen Unterton, obwohl er aus einem Land kommt, das landläufig nicht gerade mit Spitzenqualität assoziiert wird. Aber immerhin einem, das den Europäern in Sachen Pyrotechnik traditionell ein Stück voraus war.

Dass die Boulevardgazetten dagegen alljährlich ganze Seiten mit Horrorgeschichten unter einem dicken Balken „POLENBÖLLER“ füllen, hat auch mit einem tief sitzenden Ressentiment zu tun. Der Polenböller steht gewissermaßen pars pro toto für den deutschen Blick auf das Nachbarland und seine Produkte: Polnisch, das ist im Volksmund immer noch gleichbedeutend mit billig, von minderer Qualität, irgendwie geschummelt oder (schlecht) nachgemacht. Der alte, abwertende Topos von der „polnischen Wirtschaft“ schwingt mit.

Fast könnte man glauben, die Polen würden sich für den verlorenen zweiten Weltkrieg rächen wollen, indem sie unseren deutschen Jungs (Mädchen sind es in aller Regel nicht) die Finger wegsprengen. Dabei gilt: Wer sich die Finger wegsprengen will, kann das mit Feuerwerk verschiedenster Herkunft schaffen. Er muss nur einen möglichst großen Böller so lange in der Hand behalten, bis er explodiert.

Auch in Polen werden Feuerwerkskörper übrigens nach EU-Richtlinien behördlich getestet und zugelassen. Anders als in Deutschland darf darin auch bis zu ein Gramm Blitzknallsalz enthalten sein, das schneller und auch ein wenig heftiger explodiert als Schwarzpulver.

Wirklich gefährlich sind illegal produzierte Böller, die wesentlich größere Mengen Blitzknallsalz enthalten. Sie werden in verschiedenen Ländern hergestellt: Polen, Tschechien, China – und Deutschland. Deutsche Polenböller, sozusagen.  JANK