: Altbekannter Abwehrreflex
betr.: „Übermannung“ von Gabriele Goettle, taz vom 26. 6. 06
Der Deutsche Frauenrat hat nie mit der genannten Zahl von Zwangsprostituierten argumentiert, sondern immer erklärt, dass diese Zahl rein spekulativ und wahrscheinlich stark übertrieben sei.
Richtig ist, dass der Deutsche Frauenrat – wie zahlreiche Menschen- und Frauenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, kirchlichen Gruppierungen etc. auch – die Einschätzung teilte, dass im Zusammenhang mit der Fußball-WM die Nachfrage und das Angebot sexueller Dienstleistungen deutlich ansteigen könnte. Wir hegten die Befürchtung, dass damit auch die Fälle von Zwangsprostitution ansteigen würden.
Fakt ist: Zwangsprostitution ist ein Verbrechen, das aber kaum skandalisiert wird. Die vom Deutschen Frauenrat initiierte Kampagne „Abpfiff – Schluss mit Zwangsprostitution“ hat die WM und die damit verbundenen Befürchtungen genutzt, um auf dieses Verbrechen aufmerksam zu machen und bessere Maßnahmen zu dessen Prävention und Verfolgung zu fordern. In anderen Fällen gilt es als professionell, Großereignisse zu nutzen, um auch auf deren Schattenseiten hinzuweisen, im Zusammenhang mit der Fußball-WM zum Beispiel auf den Hooliganismus oder auf Rassismus.
Aber wenn es um Gewalt geht, von der in erster Linie Frauen betroffen sind, kommt der Vorwurf der Übertreibung, der Unseriosität. Dies ist ein altbekannter Abwehrreflex, den wir bereits aus den Debatten um Gewalt in der Familie, Vergewaltigung in der Ehe, sexuellen Missbrauch von Kindern etc. kennen.
HENNY ENGELS, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates