Sieg des Zynismus

KOMMENTAR VON ALFRED HACKENSBERGER

Bereits wenige Tage nach dem israelischen Angriff auf den Libanon standen in Syrien überall Spendenboxen bereit für die Kriegsopfer im Libanon. Auch in anderen arabischen Staaten sammelte man fleißig für Flüchtlinge und Hilfsgüter; in Saudi-Arabien wurden sogar spezielle Spendenbüros eröffnet. Im Westen gab es nichts dergleichen: Flüchtlinge und Verwundete im Libanon galten hier offensichtlich nicht als so zuwendungsbedürftig wie Tsunami-Opfer oder arme Kinder in Afrika. Vielleicht lag es am Ruf der Hisbollah, Terroristen zu sein? „Sind doch selber schuld, wenn sie einen Krieg anzetteln“, dürften sich viele gedacht haben.

Wo es an individueller Spendenbereitschaft mangelte, springt nun die internationale Staatengemeinschaft ein. Ende August findet die erste Spenderkonferenz in Stockholm statt, an der unter anderem Deutschland, Frankreich, Norwegen, Großbritannien, Japan und auch die USA teilnehmen werden. Der Zynismus könnte nicht größer sein. Schließlich haben gerade diese Nationen wochenlang tatenlos zugesehen – oder sind zumindest nicht vehement genug eingeschritten –, als Israel die Infrastruktur des Libanons zerstörte und über tausend unschuldige Zivilisten tötete. Nun aber ist man bereit, alles wieder aufzubauen.

Das Tüpfelchen auf dem i setzten aber die USA: Sie gaben Israel grünes Licht für die Zerstörung des Libanons und zögerten einen Waffenstillstand so lange wie möglich hinaus. Aber schon im Verlauf des Krieges versuchten sie, den libanesischen Premierminister Fuad Siniora mit einer Spendenzusage über 50 Millionen Dollar zu beruhigen, nach dem Motto: Jetzt müssen wir zuerst einmal dein Land zerstören – aber hier ist schon mal ein kleiner Vorschuss für den Wiederaufbau.

Bei so viel Zynismus kann man fast froh sein, dass der US-Plan für einen „Neuen Mittleren Osten“ damit fürs Erste einmal gestorben sein dürfte. Doch der Preis ist hoch: Die Hisbollah ist so stark wie nie zuvor und wird in der gesamten arabisch-islamischen Welt als Sieger über den US-Imperialismus gefeiert. Das ist ein propagandistischer Schub für alle „Aufständischen“ in der Region, bis hin zur al-Qaida. Und diesen Preis werden wie immer unschuldige Zivilisten bezahlen müssen.