WAS DENKEN SIE GERADE …,

Wladimir Kaminer?

Wladimir Kaminer, 43, gibt, während er spricht, Autogramme. Gerade hat er in Berlin aus seinem Buch „Meine kaukasische Schwiegermutter“ vorgelesen.

Ich denke daran, dass es keinen Sinn hat, in die Zukunft zu schauen. Es gibt keine Zukunft. Die Zukunft ist das, was wir heute machen. Und das, was wir heute machen, hängt davon ab, was wir früher waren und in welcher Welt wir leben. Um diese Welt zu verstehen, muss man viel über die Vergangenheit wissen. Die sogenannten Visionen sind nichts wert. Es hat überhaupt keinen Sinn, immer wieder neue Menschen in die Welt zu setzen und sie gleich wieder zu verderben, da man nicht weiß, was mit ihnen passieren wird. Man muss zuerst nach hinten schauen, um zu erfahren, was war. Man muss seine Eltern befragen, die müssen ihre Eltern nach deren Erinnerungen fragen. Am besten bis zum ersten Menschen. Nur dann wird man wissen, wo man heute ist. Ich beschäftige mich mit Erinnerungen, mit meinen eigenen und denen anderer. Ich glaube, dass die Zukunft der Menschen in ihrer Vergangenheit liegt. Es ist schwierig, die ganze Vergangenheit zu kennen, aber es ist möglich. Denn sie besteht aus realen Objekten, alle Menschen bestehen aus Atomen und Molekülen. Die Erinnerung eines Atoms an sein Dasein als Mensch ist die beste Erinnerung. Weil es Spaß macht, ein Mensch zu sein. Viel mehr, als einfach in der Luft zu hängen. In meinen Büchern versuche ich, diese Atome wieder zusammenzubauen. Es sind eigentlich Tagebücher. Man muss jede Stunde aufschreiben. Foto: B. Friedrich