: In die Kamera gelächelt
■ „Too much TV“: ein Krimi aus der schönen neuen Fernsehwelt
Wie mache ich eine Geschichte, wenn's keine gibt, der Chef auf bunte Häppchen schielt und zudem mein Faible für Umweltskandale leider eher einen schlechten Einfluß auf die Quote hat? Vor dieser Frage steht die Fernsehjournalistin Gerit in Too much TV. Die Autorin Uli Aechtner beschreibt in ihrem ersten Krimi kritisch und schnörkellos die alltägliche Jagd nach der guten Story fürs Abendjournal. Dabei entweiht sie den Fersehjournalismus als routiniert müde Unterhaltungsware, die – egal von wem, Hauptsache jung und blond – in die Kamera gelächelt wird.
Uli Aechtners Erzählstil ist knapp, die Story spannend. Wer von einem Krimi allerdings fünf Morde und deren spektakuläre Aufklärung erwartet, sollte von Too much TV die Finger lassen. Die Geschichte dreht sich nicht um Gewalt, sondern um die Journalistin Gerit – und ihren zuweilen nervigen Alltag mit arroganten Kameramännern, um den Hunger nach einem erfüllten Abend nach dem Journal. Uli Aechtner beschreibt Gerits Fernsehalltag mit leichtem, aber schonungslosem Ton; mit harten, schmissigen Nebensätzen enttarnt sie die bunten Flimmerbilder, so daß man sich nur wundern kann, wie Menschen freiwillig in diesem Beruf arbeiten.
Die Autorin spricht aus Erfahrung: Sie blickt auf eine jahrelange Arbeit als Redakteurin und Moderatorin fürs ZDF zurück. Zur Zeit lebt sie als freie Fernsehjournalistin im Taunus. Ihre Heldin Gerit durchschaut die Belanglosigkeit ihrer Sendung – und spielt weiter mit: „Verkleiden, verstellen, auftakeln. Kurowski stand auf Blond.“ Gerit verwandelt sich dem Fernsehen zuliebe in eine konventionell-blonde Ansagerin. Weshalb die Lektüre für hoffnungsfrohen Journalistennachwuchs deprimierend sein könnte. Uli Aechtner entläßt einen nie in ein Happy-End. Korrekter Umgang unter Kollegen, zwischenmenschliche Zuverlässigkeit – aussichtslos, darauf zu hoffen. Gerits Alltag ist voller Kälte, in der Redaktion wie im Privatleben. Uli Aechtners Einschätzung der Realität: Manche gute Geschichte stirbt, weil sie nicht bunt genug ist, und Wahrheit ist im Fernsehen so selten, daß man sie schon als Stilmittel einsetzen kann.
Franziska Becker
Uli Aechtner: Too much TV, Rotbuch Krimi, 148 Seiten, 16,90 Mark
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