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HENK RAIJER über den Widerstand Kölner Bildungsbürger gegen einen Buchsupermarkt im Kiez

Kettengeschäften wie der Mayerschen kann Bettina Emmerich nichts abgewinnen. Schon gar nicht in ihrem Viertel. Die Kölnerin ist seit einigen Wochen an Samstagen auf den Straßen ihres Stadtteils anzutreffen. Sie verteilt Flyer und klärt auf. Ihre Botschaft lautet: Bürger von Sülz, kauft Bücher nur beim kleinen Einzelhändler um die Ecke. Seit die Mayersche Buchhandlung angekündigt hat, im Herbst 2007 im drittgrößten Viertel im Kölner Süden eine Filiale zu eröffnen, warnt Emmerich vor den Folgen, die ein „Supermarkt des Buches“ für die Betreiber der fünf Buchläden und das Kulturleben im Kiez hätte. „Sollte die Mayersche nach Sülz kommen, würde früher oder später eine Buchhandlung nach der anderen schließen müssen“, fürchtet sie.

Von Verdrängungswettbewerb könne laut Hartmut Falter keine Rede sein. „Wir sind nicht die große böse Heuschrecke, die die kleinen Läden auffressen will“, sagt der Geschäftsführer des Aachener Unternehmens, das 1817 von Jacob Anton Mayer gegründet wurde und seitdem im Familienbesitz ist. Die Mayersche sehe sich als Ergänzung zum bestehenden Buchhandel in Sülz. „Die hervorragende Akzeptanz der beiden Läden in der Kölner Innenstadt, die Nähe von Sülz zur City, die gute Infrastruktur und das vielfältige kulturelle Leben dort sowie die positiven Erfahrungen mit Stadtteilbuchhandlungen in anderen Städten NRWs führten zu dieser Entscheidung“, beteuert Hartmut Falter.

Als positiv verbucht der Mayersche-Chef zweifelsohne den wachsenden Zuspruch in jenen Stadtteilen, in denen der 100 Millionen Jahresumsatz schwere Branchen-Achte alteingesessene Buchhandlungen bereits übernommen hat. Entsprechend kritisch sehen die Sülzer Buchhändler das Vordringen des Konkurrenten. „Die Mayersche ist für die, die im unmittelbaren Umfeld der geplanten Filiale ihren Buchladen haben, definitiv eine Heuschrecke“, sagt etwa Axel Stemmer, Inhaber von „Der andere Buchladen“, der sein Geschäft nur wenige Straßenzüge vom geplanten 430-Quadratmeter-Laden entfernt betreibt. Für die Mayersche, die unter den Großen nur ein Kleiner ist, sei es nur logisch, im kaufkräftigen und bildungsbürgerlichen Sülz auf Kundenfang zu gehen.

Auch Sonja Hilger vom Buchladen Sülzburg betrachtet die neue Nachbarschaft mit gemischten Gefühlen. „Das ist für uns natürlich eine enorme Herausforderung“, sagt die Buchhändlerin. Das Geschäft, in dem sie arbeitet, zählt neben dem Inhaber-Ehepaar vier Angestellte. Jobverluste oder gar eine Existenzgefährdung könne der Buchladen Sülzburg sicher nicht ganz ausschließen. „Wir bauen aber auf unsere Stammkundschaft“, erklärt Hilger, „und setzen auf unsere Stärken wie Fachkompetenz, Kundenservice und Beratung.“ Die könne die Mayersche mit ihren durchschnittlich zwei Mitarbeitern pro 400 Quadratmeter Verkaufsfläche bekanntlich eh nicht bieten. Treue Kundinnen wie Bettina Emmerich indes schätzen genau dieses Konzept. Sie bangt um den Verlust des charmanten Ambientes und will die streitbaren Sülzer zu verstärkter Solidarität animieren.