: Drachensteigen: Nur Fliegen ist schöner
■ Alles über Drachen:Schnüre, Stoffe und Stangen, warum Drachen fliegen oder auch nicht, die wichtigsten Grundregeln
Der Kinderdrachen aus buntem Pergamentpapier und Holzleisten ist out. Die Konstruktionen sind komplizierter, die Materialien hochwertiger geworden. Drachensteigen ist eine Freizeitbeschäftigung für Tüfftler mit Hang zum Filigranen geworden. Statt der Holzleisten werden dünne Glasfieber oder Kohlefaserstäbe genommen. Die Bespannung besteht aus reißfestem Spinnacker-Nylon, das gegen Wind und Regen mit Silikon beschichtet ist.
Je nach Drachen werden an die Materialien unterschiedliche Anforderungen gestellt: Lenkdrachen werden über zwei bis vier Schnüre dirigiert. Damit der Drachen in der Luft reagiert, muß das
Gestänge möglichst steif sein. Die Schnüre selbst dürfen sich nicht dehnen: Baumwolle oder Paketband sind ungeeignet, weil sie schnell reißen. Polyschnüre mit einer Zugkraft von 15 Kilogramm bis zu einer Tonne werden den Anforderungen der Drachenflieger eher gerecht. Bestens geeignet ist Kefflerschnur, weil sie besonders leicht ist und sich nicht dehnt. Lenkdrachen können Figuren fliegen (Loopings) und stehen bei geschickter Steuerung leicht über dem Erdboden. Die Kunst des Lenkens beruht aus einer Mischung von Können und Ausloten der Windverhältnisse. Die Manipulation der Flugfiguren funktioniert über die Variable
des Anstellwinkels, den der Drachen in der Luft gegen den Wind hat.
Die Standartraute als Urform des Drachens ist einer Vielzahl von Formen und Körpern gewichen. Der „Bronto“ beispielsweise sieht aus wie ein fliegender Rochen, Dreiecksformen und Rundformen bestimmen das Aussehen der Flächendrachen. Bei den dreidimensionalen Formen sind die Körper noch unterschiedlicher. Das Innenleben eines einfachen Kastendrachens ist so kompliziert, daß man bei einer Stangenlänge von einem Meter 25 Quadratmeter Stoff und mehr verwenden muß. Eine Sonderform des Drachens ist der „Parafoil“, ein gestängeloser Drachen und Vorläufer des Fallschirms. Ein Parafoil entwickelt in der Luft Zugkräfte von 700-800 Kilogramm bei einer Spannweite von drei bis vier Metern.
Ob ein Drachen fliegt oder nicht hängt vom Verhältnis der Lenkstange zur Spreizstange ab. Die Spreizstange darf nicht zu kurz geraten, der Kreuzpunkt der beiden liegt in einem Punkt, der die Lenkstange im Verhältnis 3:1 teilt, die Spreizstange 1:1. Für Flugfähigkeit und Steuerung sind die Waagenpunkte des Drachens wichtig. Das sind die Punkte, die das Gestänge mit den Schnüren bzw der Schnur verbinden. Je mehr Waagenpunkte, umso mehr Steuermöglichkeiten hat der Drachensteiger. Auch hier muß man ein bestimmtes Längenverhältnis beachten: Die Schnur läuft mit
zwei Waagenschenkeln am Knotenpunkt zusammen. Ist der vordere Waagenschenkel zu kurz, steht der Drachen waagerecht im Wind, hat keinen Auftrieb und stürzt ab. Ist der hintere zu kurz, drückt der Wind den Drachen nach unten. Die beste Möglichkeit zur Regulierung der Längenverhältnisse bietet ein Aluminium- oder Schlüsselring, mit dem man die Schnüre entsprechend verlängern oder verkürzen kann.
Die Geschichte der Drachen ist die Geschichte der Entwicklung von Flugkörpern. Die Funktionsweise ist deshalb die gleiche wie bei den Flugzeugen. Durch den Widerstand des Materials entstehen zwei unterschiedlich schnelle
Luftströmungen. Weil der Druck von Gas mit zunehmender Strömungsgeschwindigkeit abnimmt, entsteht auf der „schnelleren“ Oberseite ein Unterdruck, der den Drachen steigen läßt. Bei einfachen Flächendrachen reicht der Preßdruck des Windes, der den Drachen oben hält. Die richtige Waage des Drachens optimiert den Anstellwinkel.
Drachen gibt es in allen Preislagen. Ein kleiner Kinderdrachenkostet um 20 Mark, einen einfachen genähten bekommt man ab 40 Mark. Nach oben sind die Grenzen offen. Ein guter Lenkdrachen kostet 400 Mark, im Einzelfall auch 1.ooo Mark und mehr. Markus Daschne
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