SOCKENSCHUSS: Schlechtwetter-Demokratie
■ Zur Dialektik von Grundrechten und Sonnenschein
Rechte Kirchenfürsten und linke Revolutionäre haben es schon immer gewußt: Die parlamentarische Demokratie kann keine gottgefällige Form zur gesellschaftlichen Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen sein. Als Gott Adam und Eva erschuf, müssen ihm andere Regelmechanismen größerer Gemeinwesen vorgeschwebt haben.
Ein der Demokratie gnädiger Gott hätte jedenfalls nie und nimmer gestern den Frühling ausbrechen lassen. Dieses Wetter an diesem Tag – erste freie DDR-Wahlen sprechen nicht gegen, sondern für diese These – ist der massive Einsatz (höherer) Gewalt gegen Grundrechte. Nehmen wir die Pressefreiheit: Keiner der Grundgesetz-Väter kann auf seiner Rechnung gehabt haben, daß die journalistische Aufgabe, an der politischen Meinungsbildung mitzuwirken, mit solch subversiven Launen eines Wettergottes kollidieren könnte: Am ersten sonnigen Sonntag im vollen Bewußtsein einer draußen tobenden Welt von Feiertagsausflüglern in dunklen Redaktionsstuben seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen, muß jedes journalistische Ethos überfordern. Das Jammern über die Schönwetterdemokratie: Seit gestern wird man es mit anderen Augen betrachten müssen.
Eine Koalition, die was bewegt: taz.de und ihre Leser:innen
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: Unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen