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„Realistische“ Gespräche in Bagdad

■ Irakische Führung angeblich kompromißbereit gegenüber Kurden/ Autonomes Kurdistan offenbar im Mittelpunkt der Verhandlungen/ Täglich immer noch rund 510 Opfer unter den Flüchtlingen

Berlin (taz) — Die Verhandlungen zwischen der irakischen Führung und einer Kurdendelegation in Bagdad werden von beiden Seiten in ersten Stellungnahmen positiv beurteilt, auch wenn bislang noch keine Ergebnisse bekannt sind. Außenminister Tarik Aziz bezeichnete die Gespräche anläßlich eines Kurzaufenthaltes in Amman als „positiv und realistisch“. In kurdischen Exilkreisen hieß es gestern, die Verhandlungen verliefen gut. Die kurdische Delegation unter Leitung von Jalal Talabani, dem Vorsitzenden der Patriotischen Union Kurdistans, hält sich seit Ende letzter Woche in Bagdad auf.

Nach Angaben von Massud Barzani, dem Führer der Demokratischen Partei Kurdistans, ist das Autonomie-Abkommen aus dem Jahr 1970 Grundlage der Gespräche in Bagdad. Es sei allerdings noch kein Ergebnis erzielt worden. Einem Bericht der Londoner Zeitung 'Times‘ zufolge ist das Regime zu Konzessionen in dieser Frage bereit, um eine Aufhebung des UN-Embargos zu erreichen. Es werde sogar erwogen, die Erdölstadt Kirkuk im Norden des Irak dem autonomen Gebiet zuzuschlagen. Bei den Verhandlungen über ein autonomes Kurdistan innerhalb des Irak Anfang der siebziger Jahre war das Thema Kirkuk eines der zentralen Konfliktpunkte. Von irakischer Seite sollen Vizepräsident Izzat Ibrahim und Verteidigungsminister Hussein Kamal Hassan die Gespräche führen. Die französische Nachrichtenagentur 'afp‘ meldete jedoch am Montag unter Berufung auf gut unterrichtete kurdische Kreise, die beiden, sowie der frühere Generalstabschef Maher Raschid würden in der Nähe von Arbil von kurdischen Kämpfern festgehalten, bis die Verhandlungen in Bagdad beendet seien. Die Peschmerga hätten zu dieser Maßnahme gegriffen, „weil die Kurden kein Vertrauen zu Saddam Hussein haben“.

Anläßlich eines Besuchs von Danielle Mitterrand in Hadj Omran forderte Barzani vor Journalisten erneut internationale Garantien für ein Abkommen der Kurden mit der irakischen Führung. Die Garantien müßten sowohl für die Rückkehr der Flüchtlinge als auch für die Einrichtung von Schutzzonen gelten. Letzteres bezeichnete er als „eine positive Entwicklung, die auf ganz Kurdistan ausgedehnt werden sollte“. Unter einigen schiitischen Oppositionsparteien stießen die Gespräche in Bagdad unterdessen auf scharfe Ablehnung.

Nach Angaben des US-Außenministeriums sterben trotz der internationalen Hilfe für die Flüchtlinge weiterhin täglich durchschnittlich 510 Menschen. Die Vereinigten Staaten wollen künftig täglich 600 Tonnen Nahrungsmittel abwerfen. Die Europäische Gemeinschaft erklärte sich unterdessen bereit, ebenfalls Lager im Nordirak einzurichten. B. S.

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