: »Ich war mit dem lieben Onkel im Zoo«
■ Prozeß gegen Gartenarbeiter eröffnet, der Silvester als Babysitter einer Bekannten deren Töchter ermordete
Moabit. »Aus Mordlust« soll der 58jährige Herbert M. in seiner Prenzelberger Wohnung zwei Mädchen im Alter von vier und fünf Jahren in der Neujahrsnacht mit einem Küchenmesser die Kehle bis zum Halswirbel durchtrennt haben. Die Mutter hatte dem 58jährigen ihre beiden Töchter anvertraut, um mit Freunden Silvester zu feiern. Der Gartenarbeiter, der sich noch am 1. Januar dieses Jahres der Polizei gestellt hatte, verweigerte gestern vor der 27. Strafkammer des Berliner Landgerichts die Aussage darüber. Bereits bei seiner Festnahme konnte oder wollte er sich nicht mehr an den Tathergang erinnern.
Detailliert beschrieb der Angeklagte sein Leben, und wenn sein Anwalt nicht interveniert hätte, hätte er auch noch die Geschehnisse der Neujahrsnacht erzählt. So erfuhren die Beobachter nur jede Kleinigkeit darüber, warum seine zwei kurzen Ehen gescheitert waren. Zwei Klippen versuchte er offenbar zu umschiffen: Schon zweimal war Herbert M. in der ehemaligen DDR wegen Mordes verurteilt worden. Auch dazu wollte er nicht aussagen. Nach einem kurzen Scheingefecht mit der Verteidigung über die Rechtsstaatlichkeit der Strafen konnten die einstigen Schuldsprüche vom Richter verlesen werden: Anfang der 50er Jahre hatte der damals 17jährige M. an einem fünfjährigen Mädchen »unzüchtige Handlungen« begangen und es erstochen. Im April 1969 bestätigte der Oberste Gerichtshof eine lebenslängliche Strafe, die ein Bezirksgericht ausgesprochen hatte. Der Angeklagte hatte im Juni 1968 versucht, mit einer betrunkenen Bekannten nach einem gemeinsamen Kneipenbesuch zu schlafen. Als sie sich sträubte, brachte er ihr mit einem Taschenmesser tödliche Stiche in Brust und Hals bei. Diese Strafe saß Herbert M. bis zu seiner Begnadigung am 1.Oktober 1990 in der Strafanstalt Brandenburg ab.
Die 25jährige Mutter sagte aus, sie habe den Gartenarbeiter im Sommer 1991 durch eine Freundin kennengelernt. Einen guten Eindruck habe er auf sie gemacht. Des öfteren hätten sie in einer Kneipe den Abend verbracht. Von der Haftstrafe wußte sie: »Er hatte mir von einer Auseinandersetzung mit einer Frau in einer Kneipe erzählt, die drei Tage später gestorben sei. Das war ein Unfall«, habe Herbert M. zu ihr gesagt. Als sie im November zu einem Billardturnier nach Neumünster wollte, habe sie die ältere Nadine über das Wochenende bei dem Angeklagten gelassen, die jüngere zu einer Freundin gebracht. Nadine schwärmte danach: »Ich war mit dem lieben Onkel im Zoo.« Bei der Geburtstagsfeier des Angeklagten am 29. Dezember habe er sich angeboten, beide Kinder Silvester zu sich zu nehmen, da er Urlaub habe: »Nadine wollte gleich dableiben, und das ist sie dann auch«, sagte die Mutter gestern. Am Silvesterabend brachte sie die jüngere Tochter Christine vorbei, nichts sei ihr aufgefallen: »Er hat einen normalen Eindruck gemacht.« Der Prozeß wird am Donnerstag fortgesetzt. Ralf Knüfer
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen