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Keine Atomtests mit Chemiewaffen?

■ Russisches Parlament dagegen/ Aber Atomminister dafür

Berlin (taz) – Unterirdische Atomtests zur Vernichtung russischer Chemiewaffen sollen auf der Nordmeer-Insel Nowaja Semlja nun doch nicht stattfinden. Das sagte zumindest der stellvertretende Vorsitzende des Umweltausschusses des russischen Parlaments, Valerij Menschikow, gestern in Bonn. Menschikow betonte auf einer Pressekonferenz des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND), das Parlament in Moskau habe diese Form der „Entsorgung“ von Chemiewaffen abgelehnt. Und auch in einer zwischen den Ministerien abgestimmten Vorlage der russischen Regierung zur Vernichtung der Chemiewaffen sei diese Form der „Entsorgung“ nicht mehr vorgesehen.

Bei den Atomexplosionen war es in den vergangenen Jahrzehnten häufig zu sogenannten Blow-outs gekommen: Fontänen mit radioaktivem Material waren in die Atmosphäre geschleudert worden und Hunderte von Kilometern geweht. Ökologen hatten in den vergangenen Monaten vor den neuen gefährlichen Testplänen gewarnt.

Menschikow mußte gestern auf Nachfragen einräumen, daß trotz der Regierungsvorlage sowohl das Atomministerium als auch die von ihm in Moskau gegründete Firma Tschetek AG weiter für die Atomsprengungen zur Chemiewaffenvernichtung einträten. Tschetek bietet international zudem die Vernichtung von Chemiemüll durch solche Atomtests an. Die Firma unterhält auch eine Filiale in Hamburg. „Das Parlament hat die Situation im Griff“, gab sich Menschikow trotzdem selbstbewußt.

Nach dem Chemiewaffenvertrag muß Rußland seine 40.000 Tonnen Chemiewaffen bis zum Jahr 2004 auf 5.000 Tonnen verringert haben. Die neue Vorlage der Moskauer Regierung sehe neben einer existierenden Vernichtungsanlage in Tschapajevski den Bau von drei weiteren Fabriken und die Umwidmung einer Chemiewaffenfertigung in eine Fabrik zur Zerstörung der Bomben vor, so Menschikow. Der Russe und der BUND-Osteuropa-Experte Valentin Thurn waren sich einig, daß diese Anlagen für die Erreichung des Abrüstungsziels nicht ausreichten. „Die Fabrik in Tschapajevski kann im Jahr gerade 250 Tonnen Chemiewaffen vernichten“, so Thurn. Auch die von der Regierung eingeplanten Mittel von 5 Milliarden Rubel und 500 Mill. Dollar seien völlig unzureichend. Hermann-Josef Tenhagen

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