■ Bayerns Staatsregierung zu Havels Deutschlandrede

Eine unglaubwürdige Attacke

Vor wenigen Tagen kritisierte die bayerische Staatsregierung eine Rede des tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel, die dieser am 17. Februar an der Prager Karlsuniversität gehalten hat. Der Inhalt seiner Rede sei „enttäuschend und nicht zukunftsgerichtet“ gewesen. Vor allem Havels Formulierung, ein „großer Teil der Bürger deutscher Nationalität“ habe in der Tschechoslowakei vor 1945 fatal versagt, käme einer Neuauflage der Kollektivschuldthese gleich und beeinträchtige eine umfassende, selbstkritische Aufarbeitung der deutsch-tschechischen Vergangenheit.

Das sind schwerwiegende Vorwürfe einem Staatsmann gegenüber, der seit Jahren in seiner Heimat die Vertreibung der Sudetendeutschen als Unrecht angeprangert hat, deswegen scharfen Angriffen ausgesetzt gewesen ist und der trotzdem niemals aufhörte, für ein freundschaftliches Neben- und Miteinander von Tschechen und Deutschen in Europa einzutreten.

Eine Lektüre des vollständigen Redetextes macht die Angriffe noch weniger verständlich. Havel bekennt dort freimütig: „Das Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen (...) ist ein Teil unseres Schicksals, sogar ein Teil unserer Identität.“ Er spricht vom „schöpferischen Zusammenleben der Tschechen und Deutschen in einem Staatsgebilde“. Und nur wenige Passagen nach dem inkriminierten Satz, in dem von einem „fatalen Versagen eines großen Teils unserer Bürger deutscher Nationalität“ (die Wahlergebnisse von 1935 und 1938 bestätigen dies eindeutig) die Rede ist, wird gleich der sudetendeutschen Antifaschisten gedacht. Mit Blick in die Zukunft konstatiert Havel zuversichtlich: „Es ist großartig, daß viele Nachkommen unserer ehemaligen Mitbürger deutscher Nationalität (...) sich heutzutage selbstlos und geduldig für die Versöhnung zwischen unseren beiden Völkern einsetzen.“

Was kann also an solchen Aussagen aus deutscher bzw. bayerischer Sicht so „enttäuschend“ sein? Die bayerischen Klagen stehen in einer bedenklichen Tradition. Hat man nicht von München aus schon die Ostverträge und dann den zweiten deutsch-tschechoslowakischen Vertrag von 1992 mit permanentem (und durchaus wirksamem) ideologischem Sperrfeuer bedacht? Hat sich jemals ein Repräsentant der bayerischen Staatsregierung zu einer Havel vergleichbaren großmütigen Geste eines „selbstkritischen“ Schuldeingeständnisses in bezug auf die zahlreichen tschechischen Opfer nationalsozialistischer Willkürherrschaft in den böhmischen Ländern bereitgefunden? Ist das sture Beharren auf historisch selbstverwirkte Rechts- und Eigentumsansprüche im Schulterschluß mit der ewiggestrigen „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ etwa als „zukunftsgerichtet“ zu bezeichnen? Bei genauerer Betrachtung dieser Attacke aus Bayern bleibt nur das ungute Gefühl von Unaufrichtigkeit und Unglaubwürdigkeit. Rudolf Jaworski

Professor für osteuropäische Geschichte an der Uni Kiel