■ Nach Havels Rede und Kinkels Regierungserklärung:

Die Zeit für einen Dialog zwischen Tschechen und Deutschen ist reif

Auf den Tag genau einen Monat hat es gedauert, bis die Bundesregierung eine Antwort auf die Rede von Václav Havel vom 17. Februar fand. Aber auch aus anderen Gründen dürfte nun endlich Bewegung in die deutsch-tschechischen Gespräche kommen. Am selben Tag, an dem Klaus Kinkel in Bonn davon sprach, daß den tschechischen Nazi-Opfern Gerechtigkeit widerfahren müsse, und an die tschechische Regierung appellierte, diese auch den Sudetendeutschen zukommen zu lassen, vertrat in Wien der tschechische Ministerpräsident die Auffassung, daß die sudetendeutsche Frage bereits 1945 zu den Akten gelegt worden sei. Zehn Tage zuvor hatte das tschechische Verfassungsgericht in Brünn den Begriff der Kollektivschuld durch den der „Kollektivverantwortung“ ersetzt und beschieden, daß die umstrittenen Beneš-Dekrete weder rückwirkend noch für ihre heutige Gültigkeit in Frage zu stellen seien. Gründe genug, zum 17. Februar zurückzukehren, nochmals und möglichst genau zu betrachten, was Václav Havel eigentlich gesagt hat.

Die Rede des tschechischen Staatspräsidenten enthielt eine Reihe bemerkenswerter Äußerungen, die in der tschechischen Öffentlichkeit selten so deutlich zu hören sind: So Havels Auffassung, daß die spezifische Gemeinschaft von Tschechen, Deutschen und Juden nicht nur „de facto das wahre Subjekt der böhmischen Geschichte“ gewesen sei, sondern auch als „sehr moderner Wert“ bei der „Gestaltung der neuen deutsch-tschechischen Beziehung inspirieren“ könne. Ebenso bedenkenswert erscheint mir die Absage an alle nationalen Vereinnahmungen der Vergangenheit, wohlwissend, daß es die „Feinde der offenen Gesellschaft ... auf beiden Seiten unserer Grenze (gibt)“. Schließlich der Appell, daß nun die „Zeit des Dialogs“ gekommen sei, eines „wahren Dialogs“, der davon abhänge, daß sich keiner – „nicht einmal andeutungsweise – als Geisel des anderen oder als Geisel unserer unheilvollen Geschichte fühlt“.

Mit pointierten Hinweisen ist hier geradezu ein Modell der Wiederbegegnung von Tschechen und Sudetendeutschen entstanden, das beiden einen substantiellen Anteil an der böhmischen Geschichte zubilligt, von beiden eine selbstkritische Absage an nationalistische Selbstdarstellungen verlangt und die gleichberechtigte EU-Bürgschaft als Voraussetzung nennt, unter der das Zusammenleben der Vergangenheit zur Inspiration für die Zukunft werden könnte. In eigenartigem Gegensatz zu diesen Passagen befindet sich dann jedoch eine Reihe anderer Äußerungen, die sich auf die nähere Vergangenheit beziehen.

Als einen der Entstehungsgründe für die Erste Republik nennt Havel den Umstand, daß die k.u.k.-Monarchie Tschechen und Slowaken „keine angemessene Stellung bot“; für die Zerstörung des Zusammenlebens führt er das „fatale Versagen eines großen Teils unserer Bürger deutscher Nationalität“ an, die der Hitlerdiktatur den Vorzug vor Demokratie und Toleranz gaben. Hier gerät seine Argumentation unversehens in den Sog nationaler Vereinfachung. Denn wenn den deutschen Bürgern der Ersten Republik Positionen verwehrt blieben, die Tschechen in der Diplomatie oder beim Militär, dann stellt sich die Frage, ob es sich hier nur um „kleine Innenprobleme“ handelte oder ob der tschechoslowakische Staat seinerseits versäumt hat, der deutschen Minderheit eine „angemessene Stellung“ einzuräumen.

Das „fatale Versagen“ der Sudetendeutschen kann Havel so scharf herausstellen, weil er den weiteren Kontext ausblendet: Angefangen von der Wirtschaftskrise, welche die deutschen Arbeiter weitaus schwerer und länger als die tschechischen traf, über das Wahlverhalten der Sudetendeutschen, die trotz der anhaltenden Arbeitslosigkeit bis 1935 mehr als 75 Prozent ihrer Stimmen staatsbejahenden Parteien gaben, bis zu den Mobilmachungen des Jahres 1938, denen die meisten Sudetendeutschen – wenn auch mit äußerst gemischten Gefühlen – folgten, und dem Verhalten der tschechoslowakischen Armee, die der einrückenden Wehrmacht nicht den geringsten Widerstand entgegensetzte, obwohl sie zu den bestausgerüsteten Armeen Europas zählte.

Das Versagen, so meine ich, lag auf allen Seiten. So sehr sich die Sudetendeutschen klarmachen müssen, daß sie 1938 mit großer Mehrheit die demokratischen Grundlagen einer, wenn auch ungeliebten, Republik der totalitären und rassisstischen Ideologie des „Dritten Reiches“ geopfert haben – so sehr müssen sich die Tschechen bewußt machen, daß sich ihre Politiker selbst dann nicht zu einer wesentlichen Verbesserung der Minderheitenfrage durchringen konnten, als alle demokratischen europäischen Kräfte längst schon sahen, daß diese ungelöste Frage zu den wirkungsvollsten Hebeln nationalsozialistischer Machtpolitik zählte.

Den geschichtlichen Kontext der Vertreibung zu sehen fällt vielen Sudetendeutschen schwer, die Nazi-Jahre werden von vielen nach wie vor verdrängt oder bagatellisiert. Hier kann ich Havel nur recht geben, so wie ich seine Kontextausblendung der Ersten Republik kritisiere. Nur beschreitet er mit der medizinischen Metaphorik einer „Virus-Theorie“ selbst den Weg der Verdrängung. Von einem Virus Befallene nämlich sind Kranke, die für das, was die Viren bewirken, ebensowenig verantwortlich gemacht werden können wie Grippekranke für ihr Fieber. Die Schuld, die die Tschechen 1945 auf sich geladen haben, läßt sich meines Erachtens jedoch ebensowenig relativieren wie die Schuld der Sudetendeutschen während der Jahre davor.

Durch diese und andere Äußerungen ändert Havel frühere Positionen und gibt einer nationalen Strömung nach, die sich im vergangenen Jahr verstärkt in der tschechischen Öffentlichkeit bemerkbar machte. Seine Rede hinterläßt so einen zwiespältigen Eindruck. Nun wird es darauf ankommen, den angebotenen Dialog mit allem Nachdruck und mit aller Sensibilität zu führen. Er sollte meines Erachtens mit der längst überfälligen Geste gegenüber den tschechischen NS-Opfern von seiten der Bundesregierung beginnen und in einem zweiten Schritt Vertreter aller sudetendeutschen Gruppierungen einbeziehen. Darüber hinaus sollten sich an ihm Journalisten, Historiker und Politiker aller Nachbarländer beteiligen. Nur so, scheint mir, können die Rückblicke auf beiden Seiten von nationalen Färbungen befreit und die Gespräche wirklich zu jenem „ungeschminkten Dialog ohne Vorbedingungen“ fortschreiten, den Peter Glotz jetzt in der Zeit als „einziges Mittel“ bezeichnete, den „Rechtsfrieden zwischen den betroffenen Völkern“ wiederherzustellen. Nicht nur auf das Erlittene zurückblicken, sondern jeweilige Schuld und Mitschuld selbstkritisch aufarbeiten – das ist jetzt die Aufgabe. Peter Becher

Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins München, Mitglied des tschechischen PEN