■ In den Vereinigten Staaten gibt es „George“

Who the fuck is „Konrad“?

Politik ist Spaß, Glamour und Sex. Leider nicht in Deutschland. Aber in Amiland. Dort gibt es JFK junior. Dem 34jährigen Präsidentensohn stecken Glamour, Spaß und Sex dank John und Jackie sozusagen in den Knochen. Deshalb darf er sich seit neuestem – ohne jede Printerfahrung – Chefredakteur nennen. George heißt das neue Hochglanzmagazin: eine Art Kreuzung aus Bunte, Vogue und FAZ.

Das neue US-Magazin präsentiert auf seinem Cover Cindy Crawford als ehrwürdigen George Washington, mit gepuderter Perücke und nacktem Bauchnabel. Sinnbild für den Koitus zwischen Pop und Politik. Geht so was auch auf Deutsch? Vielleicht mit Claudia Schiffer als Adenauer in Hotpants auf dem Titel von Konrad? Ja, verdammt, warum bloß nicht? Konrad – „not just politics as usual“ (so der George-Slogan).

Vielleicht fehlt den Deutschen schlicht ein John F. Kennedy junior. 35 TV-Kameras richteten sich auf das legendäre Kennedy-Grinsen, als Amerikas „bestqualifizierter Junggeselle“ unlängst sein neues Magazin vorstellte. Dank des Kennedy-Effekts bekam George schon vor dem Erscheinen mehr Medienaufmerksamkeit als andere Magazine in ihrer gesamten Erscheinungszeit. Und dazu 175 Seiten teuerster Werbung von Calvin Klein bis Joop. „20 Millionen Dollar plus“ steckte der Hachette Filipacci Verlag in den Start des 2,95 Dollar teuren Hochglanzblatts. Johns Strahlelachen verschattet dabei nicht zwangsläufig seine Mitarbeiter: Die Washington Post wollte George-Verlagschef David Pecker und Herausgeber Michael Berman auf einem Foto neben Kennedy gar digital verblassen lassen. Doch die Post-Chefetage protestierte. Welcher deutsche Junior könnte eine vergleichbare Ekstase auslösen? Einer von Kohls Bub'n? Fehlanzeige!

Und was könnte ein deutsches Konrad inhaltlich schon bieten? Wo in Bonn findet sich ein germanischer Newt Gingrich inklusive homosexueller Halbschwester? Die Lesbe erzählt in George, wie gern sie Rugby spielt. Und ein paar Seiten weiter schwadroniert Bruder Newt über Cyberspace. Ausgeglichen, „post-parteilich“ und unideologisch will George auf diese Weise sein. Hauptsache „entertaining“.

Mit Top-Fotografen wie Herb Ritts und Starautoren wie Marc Fisher (geschädigt von vier Jahren Washington-Post-Korrespondenten-Dasein in Berlin) bietet George neben allerlei Buntem fundiert recherchierte Stories. Kennedy selbst führt ein gescheites Interview mit George Wallace, dem ehemaligen Gouverneur von Alabama. Nach einem Attentat verkrüppelt, ist der einstige Befürworter der Rassentrennung inzwischen reumütig zur Religion bekehrt und ein Freund der Schwarzen. Selbst Durchschnittsfragen bekommen bei John junior unvermeidlich einen Hauch von Pathos: „Wie war Ihre Beziehung zu meinem Vater?“

George ist Kennedys Reaktion auf die Politikverdrossenheit. Eigentlich seltsam, daß die Amis das schöne deutsche Wort noch nicht für sich entdeckt haben – so wie „weltanschauung“ oder „blitzkrieg“. Denn the politikverdrossenheit grassiert in den USA wie die Pest im Mittelalter. Mehr als 80 Prozent aller US-WählerInnen unter 45 Jahren haben die Nase voll von „politics as usual“, sagt George. Kennedy hat das erkannt und verabreicht sein Hochglanzmagazin als Gegenmittel. Derart gedopt, befördern die Amis ihren John junior vielleicht sogar im nächsten Jahrhundert ins Weiße Haus. Dann aber wird das Oval Office wahrscheinlich längst Hauptattraktion eines Disney-Themeparks sein – und First Lady ist Cinderella. Marc Fest, Key West