■ Peter Handke hat in seinem Reisebericht „Gerechtigkeit für Serbien“ etwas Schreckliches getan – die Wahrheit gesagt

Am Stammtisch zum ewigen Krieg

Einmal wenigstens habe auch Alice Schalek geblutet, schrieb Karl Kraus im Ersten Weltkrieg, und er würde sich damit heute keine Freundinnen machen, einmal wenigstens während ihres mehrwöchigen kriegsberauschten Dabeiseins an der serbisschen Front habe die Reporterin selber bluten müssen. Die Menstruation allein bewies, daß die Schalek eine Frau war. „Die Schalek“, so Kraus, „ist eines der ärgsten Kriegsgreuel, die der Menschenwürde in diesem Kriege angetan wurden.“

Während draußen in der Welt ein Krieg tobt, sitzt der Schriftsteller daheim an seinem Schreibtisch und leidet an seiner Machtlosigkeit. Hinaus ins feindliche Leben möchte er, die Feinde dämpfen. Das Schicksal der Bürgerkriegsopfer im ehemaligen Jugoslawien machte aus mitteleuropäischen Stubenhockern plötzlich Helden. Wer sich da nicht rasch empörte, verpaßte womöglich die Chance seines Lebens. Die französischen Kollegen marschierten voran: Finkielkraut, Lévy, Glucksmann nacheinander in den Ruinen Jugoslawiens, ungeheuer betroffen, unglaublich cool in den Nachrichten.

Die deutschen Autoren waren schnell dabei: Es genügte ja, ein paar Kollegen zusammenzutrommeln und eine Resolution für Waffenlieferungen und gegen die Serben zu verfassen. Die Kriegsopfer haben zwar nichts davon, um so mehr springt für den berufsbetroffenen Autor heraus: Ist er doch mannhaft aufgestanden im Angesicht des fernen Feindes und hat todesmutig sein „J'accusse!“ hinausgeschmettert.

Der mutigste unter den todesmutigen deutschen Schriftstellern ist Peter Schneider. 1967 belferte der „Enzensberger für Arme“ (courtesy of Dirk Schümer) wie heute: „Den Sozialismus werden wir nur bekommen, wenn wir unsere Feinde wissen lassen, daß wir alle Mittel anwenden werden, die nötig sind, ihn zu bekommen.“

Auf den Sozialismus ist er nicht mehr ganz so scharf, aber siehe da: lotta continua. Das denkfaule Phrasendreschen geht also weiter, die Macht kommt immer noch aus den Gewehrläufen: „Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hört nicht auf die saubere Unterscheidung zwischen Gut und Böse, wohl aber auf die zwischen verbrecherischen Aggressoren und angegriffenen Opfern, die dann in der Reaktion und Gegenwehr ebenfalls Verbrechen begehen.“ Wer da nicht taub wird, der hat keine Ohren.

Weil ihm der Radikalenerlaß ein Lehramt verweigerte, behelligt einen Schneider seit bald drei Jahrzehnten mit seinem Meinungsterrorismus. Zu sagen hat er nichts, aber er muß ständig mitreden. So hat er es in zäher Arbeit zum Erregungsbeamten gebracht. Unser liebes Schweinesystem läßt eben keinen verkommen.

Schneiders neuestes MG-Geknatter gilt Peter Handke. Der hat etwas ganz, ganz Schreckliches getan, nämlich – die Wahrheit gesagt: Daß die mitteleuropäischen Zeitungen, in Deutschland angeführt von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in treuer Feindschaft an dem bereits von Karl Kraus beklagten Schlachtruf „Serbien muß sterbien!“ hängen. In seinem grüblerischen Reisebericht „Gerechtigkeit für Serbien“ in der Süddeutschen Zeitung kritisiert Handke auch ein paar meinungsstarke, allzeit kriegsbegeisterte Schriftsteller, darunter Peter Schneider und dessen „feind- und kriegsbildverknallten, mitläuferischen statt mauerspringerischen Schrieb“.

Anders als die daueraufgeregten Autoren in Frankreich und Deutschland, die so entsetzlich genau über Freund und Feind im gewesenen Jugoslawien Bescheid wissen, kennt der an der deutsch- slowenischen Sprachgrenze geborene Peter Handke das Land tatsächlich. Über Jahre hat er Slowenien, Kroatien und Makedonien bereist. Im November ist er nach Serbien gefahren, weil er den „Heroldsberichten“ mißtraute. Er ist sich nicht ganz so klar über Gut und Böse wie alle anderen und stellt deshalb Fragen. „Immer nur seinen Augen trauend“, wie ihm Schneider so rührend vorwirft, entwickelt Handke aus eigener Anschauung Mitgefühl für das Land und, noch schlimmer, für dessen Bewohner.

Dieses Mitgefühl und dazu die sokratische Methode des Fragens kann man ihm natürlich nicht durchgehen lassen. Gustav Seibt, der tapfer für seinen Reißmüller in den Krieg zieht, findet Handkes Reisebericht in der FAZ „skandalös“ und diagnostiziert einen „Wahn von Krieg und Blut und Boden“. Das liest sich besonders hübsch in einer Zeitung, die vor fünf Jahren zur Feier des Golfkrieges jedem Feuilletonredakteur eine Unterwerfungsgeste abverlangte. Und Peter Schneider enttarnt im Spiegel Handkes „sich neugierig nur gerierende Fundamental-Skepsis“ als „haßerfüllte, völlig haltlose Rundum-Verdächtigung“ und als „Niedertracht“. Das Blitzmädel Peter Schneider muß halt immer wieder beweisen, daß er zu den ärgsten Kriegsgreueln gehört.

Er könnte einem auch leid tun: Seit Döblin muß ein Kerl unbedingt eine Meinung haben, und die Tugend des Zweifels ist Schneider schon sehr fremd. Arno Schmidt erfand einst den Begriff der „ausgleichenden Ungerechtigkeit“, die mit einem gerechten Zorn einhergeht. „Feindbildverknallt“ wie eh und je haben sich seine Kritiker in Handkes Text nur jene Reizwörter herausgepickt, auf die sie in bewährter Weise reagieren können. Vor lauter Enthüllungs- und Denunziationseifer entgeht ihnen dann auch, daß Handke keineswegs die Kriegsschuldfrage neu aufwirft und etwa „die Serben“ freispricht. Er bittet einzig und allein um die Gnade des genauen Hinsehens. Aber das ist natürlich zuviel verlangt. Vom Ufer der Drina aus hat Handke die fix und fertige Rechthaberei der verehrten Kollegen von Joseph Brodsky bis Schneider mit Verwünschungen bedacht. Das ist eine pathetische, aber eine dem Schriftsteller angemessene Empörung, und sie hat Gott sei Dank nichts Siegessicheres, nichts Machtbewußtes, nichts Gewälttätiges.

Wo bittschön hätte man in den letzten Jahren eine so gründliche Medienkritik gelesen wie in Handkes Serbien-Reportage? Wo sonst würde haarklein nachgewiesen, daß die edle Le Monde zwar auf Bebilderung verzichtet, die Schrecken aber im Text um so blutrünstiger ausmalt? Wer sonst hätte sich so philologisch gründlich mit der Entstehung und der Macht der Fernsehbilder aus diesem Krieg befaßt, wie es Handke tut?

Das totalitäre Denken mit Freund und Feind, Aggressor und Opfer tut sich da wahrlich leichter. Der FAZ, diesem „Organ einer stockfinsteren Sekte, einer Sekte der Macht“ (Handke), geht ebenso wie Schneider jedes echte Mitgefühl für Serben, Kroaten und Bosnier ab. Aber was soll's: Mit ihrem interesselosen Eifern sind die ewig aufgeregten Literaten so gut und so schlecht wie die Politiker. Und Politiker wollen sie sein. Daß sie je geblutet hätten – Glucksmann, Finkielkraut, Lévy, Schneider, Duve, Cohn-Bendit –, ist allerdings nicht überliefert.

Schon 1969 bezeichnete Peter Handke Wichtigmacher wie Peter Schneider als „abgelegte Kulturgangster“. Besser kann man es nicht sagen, oder nur mit der Bibel (Joh 11, 39): „Herr, er riecht schon!“ Willi Winkler