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Süßmelancholisches Multipercussionsglück

■ Danyél Waros rhythmischer Zuckerrohrplantagenblues bei den Heimatklängen

„Monotonie in der Südsee, Melancholie bei dreißig Grad“, sangen einst Ideal. Damals blühten noch „Kebabträume in der Mauerstadt“, und Fernweh war eine Kategorie aus dem Quelle-Katalog. Heute ist es überall besser, wo wir nicht sind, und darum sind die Heimatklänge auch so beliebt. Dabei ist es anderswo, etwa auf der kleinen Insel Réunion, bekanntlich auch kein Zuckerrohrschlecken: Darauf verweist die süße Monotonie der Melancholie, welche von den getrommelten Rhythmen der ehemaligen Plantagensklaven Réunions ausgeht und die Danyél Waro eindringlich beschwört.

Danyél Waro, auf den ersten Blick unscheinbar wie ein Gene Hackman im Hawaiihemd, steht anfangs etwas verloren-verträumt auf der Bühne und singt mit hoher Stimme zur treibenden Multipercussionsbegleitung seiner Band, und erst allmählich wird deutlich, warum der Sänger so abwesend- verklärt wirkt: Er ist auf Maloya, wie der betörende kreolische Zuckerrohrplantagenblues fachgerecht bezeichnet wird.

Das Inseldasein hat sich offenbar prägend auf diese Musik ausgewirkt: Rhythmen wie Ruderschläge, Melodien so berauschend wie langsam ans Ufer schwappende Wellen – das hat etwas von der suggestiven Eintönigkeit beim Roots-Reggae. Einige verstehen das, wie immer, als Aufforderung, und bald schon wehen süßliche Kräuterdüfte über das Tempodrom. Auch die von der Musik übertragene Harmonie ist ansteckend: Zärtlich küssen sich multikulturelle Pärchen, und zaghaft lassen Heimatklängegeübte ihre Becken zum komplexen Takt kreisen, noch unsicher, ob sie zur getragenen Melodie oder zum schnellen Trommelrhythmus tanzen sollen.

Irgendwann reicht es Danyél Waro, und er zeigt, wie es richtig geht, breitet die Arme aus und vollführt eine Mischung aus Flamenco und Ententanz. Nützt aber nichts, wie er wenig später ehrlich verwundert feststellen muß: „Sie tanzen ja nicht“ – ruft damit aber pflichtschuldiges Verlegenheitslachen beim Publikum hervor, das sich von nun an deutlich mehr Mühe gibt. „Für mich ist Maloya die Krönung des Worts“, hat Danyél Waro einmal gesagt, und darum ist den zeitlos schönen Zeilen, mit denen er sich am Mittwoch verabschiedete, eigentlich auch nichts mehr hinzuzufügen: „Wo laviyon monmon, Wo laviyon papa, Ab wo laviyon la man mon frère, T dann bitasyon mon zanfan, Trwamar Larnyon, Sobat batay la sobat, Sobat batay la sobat, Gouvérnouman franse ze'l papang, La parti ansamn.“ Danyél Bax

Bis 21.30 Uhr, Sonntag 16 Uhr, Tempodrom, in den Zelten, Tiergarten

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