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Bodderbrod mit Kees

■ Andere Form der Erinnerung: „Kinderhaus im Sternipark“ bemalt das Pflaster vor ehemaligen jüdischen Stätten in Altona

Pflastermaler sind keine Seltenheit. Aber warum schrieben Kinder und Erzieher gestern ein Hamburger Volkslied auf den Gehweg von Palmaille, Breiter Straße, Kirchenstraße, Struenseestraße und Behnstraße? „An de Eck steiht'n Jung mit'n Tüdelband, in de anner Hand'n Bodderbrod mit Kees, wenn he blots nich mit de Been in'n Tüdel kommt, un dor liggt he ok all lang up de Nees!“ – ein Liedtext, der ausgeschrieben ein ganzes Viertel umfaßt.

Wie kann es dieser Tage anders sein – auch mit dieser Aktion des „Kinderhauses im Sternipark“ soll an Geschichte erinnert werden, aber subtil und mitten im Alltag. Denn die schriftliche Eingrenzung gilt dem Viertel, das früher das Zentrum des jüdischen Lebens in Altona war. Und was so unvermutet ist, daß es nicht einmal verdrängt werden mußte: Das typisch Hamburgische Lied geht auf ein Couplet der jüdischen Gebrüder Wolf zurück.

Jüdisch-deutsches Leben hatte gerade in der Weimarer Republik in vielen Bereichen bereits zu einer selbstverständlichen Symbiose gefunden, bevor es nach 1933 gewaltsam auseinanderdividiert wurde. Und da, wo heute der Blick auf vernichtete jüdische Stätten gerichtet ist, wurde dazu noch ein Hinweis aufgemalt: „Waisenhaus“, „Synagoge“, „Gemeindebüro“, „Mikwe“, „koscherer Laden“. Statt auf bronzenen Gedenktafeln für ewig versteckt, stellt sich diese Schrift dem Passanten in den Weg und fordert einen Augenblick individuellen Erstaunens. Und ganz unpathetisch wird auch dieses Erinnern mit der Zeit langsam verblassen.

Hajo Schiff

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