Als wäre den ganzen Sommer lang April

„Melancholie ist eine gute Beobachtungsposition.“ Zimtfisch kommen aus Berlin. Das hört man. Oder auch nicht. Oder gerade deshalb. – Und manchmal werden sie auch frenetisch begrölt und mißverstanden  ■ Von Thomas Winkler

Wind blies, Regen fiel, und Sonne schien, Aprilwetter den ganzen Sommer hindurch. Und Kreuzberg tat mal wieder so, als sei die Mauer nie gefallen. Irgendwo an der Hasenheide liegt ein Hinterhof. Von dort führt eine Treppe in einen Keller, wo vorsichtig obszöne Graffiti und der strenge Geruch nach Pisse warten. Dort unten findet sich der Übungsraum von Zimtfisch: viel zu teuer, manchmal zu feucht, aber immerhin warm.

Berlin als langsam verfallende Metropole, als schwarz gewandete Hoffnungslosigkeit drängt sich auf, wenn man die kaum noch melancholisch zu nennenden Songs von Zimtfisch hört. Dieses Bild von Berlin ist „vielleicht ein bißchen abgeschmackt“, gibt Keyboarder Florian Grupp zu, „aber Berlin versprüht noch am ehesten diesen Charme“. Den man durchaus hören könne bei Zimtfisch. „Ich bin kein Berlin-Chronist“, will Sänger und Texter Jakob Dobers davon aber nichts wissen, „meine Texte sind nicht spezifisch Berlin.“ Sagt da Grupp: „Ich glaube schon, daß du in Freiburg andere Texte schreiben würdest.“

Dobers und seine Backenbärte sehen mit ein wenig Phantasie aus wie Bob Dylan. Allerdings so jung, wie Dylan selbst niemals aussah. Ansonsten fühlt er sich eher von Tom Waits inspiriert. „Komm trink noch was, die Welt ist ein Faß“, heißt es in „Besoffene Sterne“, einem Stück, das ziemlich exakt ebenjenes Lebensgefühl beschreibt, das einen zur Dämmerung in manchem Bezirk hier so befallen kann. Überhaupt taucht in recht vielen Liedern ein Mond auf, der sich dann gern fahl gibt. Melancholie, hat Dobers festgestellt, „ist eine gute Beobachtungsposition“. Von der aus werden Momente eingefangen und anschließend „in Geschichten verwandelt“. Die mögen auch autobiographische Bezüge haben, aber Dobers ist in der Lage, fremde Plätze einzunehmen, ob es die Frau ist, die vergeblich auf den Liebsten wartet, oder der Voyeur, der manisch und unerkannt sein Objekt verfolgt.

Zimtfisch sind Dobers erste Band, obwohl der gebürtige Niedersachse nun schon eine Weile Ende 20 ist. Geschrieben hat er zwar immer, auch mal auf der Gitarre geklampft, aber eigentlich wollte er Schauspieler werden. Bis „plötzlich die richtigen Leute zusammen waren“ und sich die Bandgründung fast aufdrängte. Am Anfang stehen nun zwar immer Dobers Texte, aber, darauf legt Schlagzeuger Jakob Fischer Wert, „die Texte sind zwar unsere Identität, aber wir sind eine Band und nicht nur Begleitmusiker“. Tatsächlich hat sich einiges getan seit der nun auch schon fast zwei Jahre alten ersten und bisher einzigen CD, deren 500er-Auflage sie selbst finanziert und seitdem auf Konzerten fast verkauft haben. Auf dem Debüt war der Sound noch manchmal recht steif und unbeholfen, ja fast verklemmt. Inzwischen sind sie sich ihrer Mittel bewußter und im Umgang mit ihnen wesentlich souveräner geworden. So wechselt die Grundstimmung zwischen einer leicht verzweifelten Fröhlichkeit und einer eher beschwingter Depression. Damals dominierten Akkordeon und Klavier, heute klagt zusätzlich auch noch ein Cello, und neueste Errungenschaft ist eine Farfisa-Orgel, die bisher noch unberührt im Übungsraum auf ihren ersten Einsatz wartet. Nur mit knapper Not, aber doch immer wieder schaffen es Zimtfisch, den Absturz ins Geschmäcklerische zu verhindern. Auf der Bühne wird die Tristesse sowieso gebrochen. „Bei Konzerten lachen die Leute sehr viel“, versichert Grupp. Niemand in der treuen Gefolgschaft kommt mehr auf die Idee, bei Zimtfisch habe man es zu tun mit „Trauerklößen, die so vor sich hin weinen“.

Der grüne Salon, jenes Zentrum neuer Chansonseligkeit in der Volksbühne, wurde von Zimtfisch schon sechsmal gut gefüllt – innerhalb von nur 10 Tagen. Diesmal versucht man ähnliches in der Kalkscheune, allerdings mit einem leicht erweiterten Programm namens „Falsche Russen im Sommerloch“: An fünf aufeinanderfolgenden Tagen werden die Zimtfisch-Songs mit Prosa-Stücken von Dobers kontrastiert.

„Das, was wir machen“, mußte Dobers schon feststellen, „ist auf der Bühne sehr schutzlos“. Im Idealfall hält die Band „die Schwebe zwischen Melancholie und Humor, und du kannst lachen oder es auch sein lassen“. Doch das kann mißlingen. Dann amüsiert sich zwar das Publikum, aber die Band fühlt sich mißverstanden. „Ich kam mir vor wie ein Hampelmann“, erinnert sich Grupp an einen Auftritt, bei dem die Zuschauer jedes Wort, jeden Ton frenetisch grölend belachten.

Da hilft dann nur der Ratschlag aus einem von Dobers Liedern: „Es ist mir alles scheißegal, und ich denk' mir, ich kann mich mal.“ Also ungefähr derselbe Effekt, den ein Nachmittag mit Aprilwetter im Sommer haben kann.

Bis 25.7., 21 Uhr, in der Kalkscheune (bei Schönwetter im Innenhof), am 26.7. im Nachtcafé der Kalkscheune, Johannisstr. 2, hinterm Friedrichstadtpalast