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Fein: Freier, träger, deutscher Sonntag

betr.: „Der Bessere gewinnt“, Ökolumne von G. Wagner, taz vom 14./15. 8. 99

Sicher ist in der amerikanischen Provinz der Sonntag ein echter Feiertag und die Möglichkeit, die Läden dort sonntags offen zu halten, weitgehend ohne praktische Folgen. Daraus aber zu schließen, eine Aufhebung des deutschen Ladenschlussgesetzes würde geringe Auswirkungen für das deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftsleben haben, zeigt doch eine erstaunliche (vielleicht akademisch bedingte) Naivität: Natürlich würde die weitere Freigabe der Ladenöffnungszeiten und die Sonntagöffnung der Geschäfte städtische Zentren und die berühmten Einkaufszentren auf der grünen Wiese stärken auf Kosten derer, die Handel in den Vorstädten und gewachsenen Strukturen betreiben. Das Überleben einzelner Handelsunternehmen hängt ja auch nicht unmittelbar an Service und Kundenfreundlichkeit, sondern an ihrer Fähigkeit, sich der Medien und Werbung zu bedienen. Natürlich gibt es auch keine permanente Nachfrage, aber wenn sich eine konstant große Nachfrage auf einen längeren Zeitraum verteilt, scheiden automatisch Wettbewerber, die wirtschaftlich nicht in der Lage sind, diesen Zeitraum personell zu füllen, aus dem Markt aus.

[...] Äußerst naiv ist die Vorstellung, Sonntags- und Nachtarbeit würden besser bezahlt, daher seien sie für die Arbeitnehmer attraktiv und für den Unternehmer, der sonntags öffnen wolle, unattraktiv: Zwar wird es eine Menge Unternehmer geben, die die Kosten der Sonntagsöffnung scheuen (müssen), aber die werden auch vom Markt verschwinden. Und genau deshalb wird es nach einer Übergangszeit für die Arbeitnehmer auch keine Sonntagszuschläge geben, sondern der Sonntag wie ein normaler Arbeitstag vergütet werden. Für so manche Branche wäre mit dem Fall des Ladenschlussgesetzes der Einstieg in den Regelarbeitstag Sonntag geschaffen, auch wenn selbstverständlich nicht jeder Arbeitnehmer jeden Sonntag arbeiten müsste. [...]

Andererseits ist es die Frage, ob nicht auch ohne religiösen Bezug der Sonntag als regelmäßiger freier Tag eine Art kulturelle Errungenschaft ist: der Tag an dem man mit ziemlicher Sicherheit Familie und Freunde treffen kann, ohne Wochen und Monate vorher die Terminkalender zu vergleichen. Ich kenne Ausländer, die uns deshalb um den trägen, deutschen Sonntag beneiden. Winfried Ohlerth, selbstständiger Buchhändler, Köln

Die Redaktion behält sich den Abdruck sowie das Kürzen von Briefen vor. Die auf dieser Seite erscheinenden LeserInnenbriefe geben nicht notwendigerweise die Meinung der taz wieder.

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