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Unangebracht ■ Antifranzösische Ressentiments bei Alcatel
Seit fast zwei Wochen besetzen die Beschäftigten des Neuköllner Alcatel-Kabelwerks ihre Fabrik. Grund: Der Vorstand des französischen Elektronik-Konzerns will die Produktion einstellen und nach Frankreich verlagern. Die rund 170 Beschäftigten verstehen die Marktwirtschaft nicht mehr: Ihr Betrieb arbeitet profitabel, hat sogar den Gewinn in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt – und trotzdem soll er dichtgemacht werden. Dagegen wehren sich die Beschäftigten. Zu Recht.
Das Phänomen ist nicht neu: Ein Konzern kauft einen Betrieb auf, nach ein paar Jahren wird die ehemalige Konkurrenz plattgemacht. Manager nennen das Marktbereinigung. Auch nicht neu ist ein zweites Phänomen, das bei Alcatel auftaucht: Geht es um Standort-Entscheidungen, können internationale Konzerne die Belegschaften in den einzelnen Ländern und Fabriken gegeneinander ausspielen. Die Berliner Alcatel-Arbeiter haben auf Lohn verzichtet, um ihren Standort zu retten. Genützt hat es nichts.
Umso erfreulicher ist, dass die Berliner Kabelwerker nicht sauer auf ihre französischen Kollegen sind. Schuld seien nicht die Beschäftigten, sondern die Bosse, sagen sie. Ärgerlich aber ist, wenn sich in die Proteststimmen Töne mischen, die Ressentiments gegen Ausländer bedienen. Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) spricht explizit von „ausländischen Konzernen“, die eine soziale Verpflichtung hätten. IG-Metall-Bezirksleiter Hasso Düvel redet von einem „Gastrecht für ein ausländisches Unternehmen“, auch Eberhard Diepgen (CDU) warnt, Alcatel schaffe „eine negative Bereitschaft, künftig mit französischen Firmen zu verhandeln“. Das mag im Berliner Wahlkampf ankommen. Doch eine Frage sei erlaubt: Wäre irgendetwas substanziell anders, wenn Alcatel kein französischer, sondern ein deutscher Konzern wäre?
Wenn Alcatel nicht einlenkt, wollen die Berliner in der nächsten Woche beim Pariser Vorstand protestieren. Das ist völlig in Ordnung. Die Kabelwerker sollten aber bedenken: Antifranzösische Sprüche sind schon an der Spree unangenehm – an der Seine sind sie auf jeden Fall unangebracht.
Richard Rother
Reportage Seite 24
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