die tapfere kleine frau

von WIGLAF DROSTE

Das Schlimmste, das der Welt passieren kann, ist die tapfere kleine Frau. Zäh steht sie im Leben, durchhaltend und unerbittlich tapfer. Sie ist ein Albtraum.

Die tapfere kleine Frau ist weniger eine physiologische als eine seelische Wesenserscheinung. Aber das Innere schlägt auf die Physis zurück. Es ist ein Reduktionsprozess, die Frau schrumpft zu ihrer Sparversion. Was ein Mund war, wird Sparschlitz, wo Augen schienen, lugen Türspione, wo ein Lächeln strahlte, knistert Bitternis, wo ein Körper wohnte, herrscht permanente Selbstvermeidung. Das wäre traurig, würde Trauer nicht durch den entscheidenden Wesenszug der tapferen kleinen Frau unterbunden: ihre Tapferkeit. Sie ist ja so taff. Sie steckt das weg. Sie kommt damit klar. Sie steht das durch. Und zieht das durch. Die tapfere kleine Frau ist eine Trümmerfrau, die vergessen hat, dass außer ihr selbst schon längst keine Trümmer mehr da sind.

Die tapfere kleine Frau verfügt über ein ganzes Arsenal von Überlebenstechniken. Halbstundenlang gießt sie Sprachhülsen in anderer Leute Ohren, Allgemeinzeug, per Knopfdruck abrufbar, zum Leben so wichtig wie die Musik in der Telefonwarteschleife, aber eben in diesem respekterpresserischen tapferen kleinen Tonfall aufgetischt. Höflich vor sich hin erlöschend hört der Rest der Welt zu, der gelernt hat, dass man Rücksicht zu nehmen hat auf die tapfere kleine Frau, die niemals müde wird mitzuteilen, dass gerade sie es nicht leicht hat. Irgendwann hebt jemand an, sich und die anderen Gequälten zu erlösen. Dann aber sagt die tapfere kleine Frau sehr resolut: „Lass mich bitte ausreden!“ Das kann sie, das hat sie sich erarbeitet, das kann ihr keiner mehr wegnehmen. Sie würde eher daran ersticken, als darauf zu verzichten. Obwohl doch Verzicht ihr Leben ist, ihr tapferes kleines Leben.

Die tapfere kleine Frau kann aber auch anders: feiern und fröhlich sein, sogar tanzen. Dann wird „I am what I am“ aufgelegt, „Sisters are doing it for themselves“ hervorgekramt und, unverzichtbar im Repertoire der tapferen kleinen Frau, „I will survive“. Zu diesen an sich erträglichen, aber wegen der Annexion durch die tapfere kleine Frau unhörbar gewordenen Stücken wird dann so programmatisch, bedeutungsschwer und eckig herumgeturnt, dass Licht aus und Dunkelheit als große Errungenschaften der Menschheit aufschimmern. Privat hört die tapfere kleine Frau Durchhaltekitsch von Zarah Leander bis Marianne Rosenberg, solches Zeug. Doch niemand, der dabei zusieht, lacht, denn man lacht nicht am Grabe.

Ideal geeignet ist die tapfere kleine Frau als allein erziehende Mutter. Das ist ihre perfekte Rolle. Sie kann die Rüstung schließen, das Welt- und Eigenbild steht. So adelt die tapfere kleine Frau sich selbst, und als Zement wird ihr angebliche Bewunderung hingegossen: Wie sie das schafft! Wie sie das meistert! So tapfer! Mit Trippelschritt und Piepsstimme huscht die tapfere kleine Frau durchs Leben. Ich möchte ihr Vogelfutter streuen oder einen Knabberkolben Sittich-Trill in den Bauer hängen.