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WLADIMIR KAMINER über Familientraditionen

Auf dem Gipfel

Meine Eltern hatten jahrelang als Ingenieure in einem Betrieb der Binnenflotte in Moskau gearbeitet. Der Betrieb belieferte verschiedene Flussschiffe mit Lichtanlagen und Maschinenteilen. Oft waren die Mannschaften an Bord überfordert, weil sie mit der neuen Technik nicht umgehen konnten. Meine Eltern pendelten von einem Hafen zum anderen und klärten die Besatzung auf. Sie hatten bei ihrer Arbeit viel Stress und wussten deswegen immer ganz genau, was sie von einem Urlaub erwarteten: an einem Strand in der Sonne liegen und sich möglichst wenig bewegen. Dieses Urlaubsideal prägte sich fest in das Familienbewusstsein ein, eine Alternative war undenkbar.

Ganz anders war es bei meiner Cousine: Ihre Eltern waren Geologen und leidenschaftliche Bergwanderer. Den ganzen Winter saßen sie im Geologischen Institut und sortierten irgendwelche Karten und Topographieberichte in Pappkisten. Im Sommer aber fuhren sie in den Kaukasus, in die Karpaten oder ins Ural-Gebirge, mit einem Wort: überall dahin, wo es etwas zu besteigen gab. Sie bereiteten sich gründlich darauf vor, zum Beispiel kauften sie auf dem Schwarzmarkt in Moskau gebrauchte Fallschirme und schnitten sich daraus richtige Bergsteigerklamotten. Jahrelang bastelten sie an ihrer Ausrüstung, denn in den sowjetischen Sportwarenläden konnte man außer einem Strick und einem Eispickel kaum etwas anderes kaufen.

Dreißig Jahre unternahmen sie Bergwanderungen – und hatten schon ziemlich alles in der Sowjetunion bestiegen, was etwas höher war als eine Straßenlaterne. Als sie 1985 in der DDR zu Besuch waren, fuhren sie, anstatt sich in den Kaufhäusern rumzutreiben, in die Sächsische Schweiz und bestiegen dort einige besonders herausragende Felsen. Auch der Fichtelberg, der höchste Berg der damaligen DDR (1.214 Meter), entging ihrer Aufmerksamkeit nicht.

Ich war ein schlichtes Kind und konnte den Drang meiner Verwandtschaft, irgendwo hochzuklettern, nie nachvollziehen. Immer kamen sie mit leeren Händen zurück, müde, aber glücklich. Meine Tante erklärte jedesmal: Das sei besser als fliegen, und es ginge dabei nicht darum etwas zu erringen, sondern um das besondere Gefühl der Freiheit, so als würde einem die ganze Welt gehören. Mehrmals versuchte sie mich zu überreden mitzukommen. Ich aber blieb stets zu Hause und genoss das Gefühl der Freiheit auf dem Flachland.

Erst meine Cousine konnte aus der sinnlosen Beschäftigung ihrer Eltern Profit schlagen. Ein einziges Mal ging sie mit – in die nordkaukasischen Berge – und kam zwei Wochen später mit einer tollen Beute zurück: einem Mann, dem doppelten Landesmeister der Sowjetunion im Alpinismus. Er war Leiter des Rettungsdienstes auf dem Elbrus. Meine Cousine war in einem Bergriss stecken geblieben, der Mann mit dem Gesicht von Sylverster Stallone kam mit einem Hubschrauber angeflogen, zerrte sie aus der Spalte und heiratete sie.

Meine Cousine war sehr glücklich. So einen Man trifft man in der Ebene nicht. Von den Bergen wollte sie allerdings nichts mehr wisse. Nach einem Jahr wurde sie Mutter von Zwillingen, die sahen aus wie Sylvester Stallone. Ihr Mann gründete in Moskau eine Art Reisebüro für abenteuerlustige, reiche Ausländer. Drei Monate im Jahr saß er fortan in den Bergen von Nordkaukasus. Seine Kunden wurden mit dem Hubschrauber vom Flughafen Mineralnewode in die kaukasischen Berge geflogen und in einem Tal abgesetzt. Die „Kapitalisten“ kletterten dann einen Berg hoch und freuten sich riesig, wenn sie auf dem Gipfel angekommen waren. Danach holte Sergej sie mit dem Hubschrauber ab. Aus eigener Kraft runterzuklettern, dazu hatten sie keine Lust. Doch kaum unten angelangt, stiegen diese Verrückten schon wieder nach oben.

Die Familie meiner Cousine lebte von dem Geld nicht schlecht, das die reichen Ausländer in den Bergen verpulverten – so ein Hubschraubereinsatz war teuer. Die restlichen neun Monate verbrachte Sergej Stallone zu Hause – er lag auf dem Sofa, trank große Mengen Bier und kuckte Fernsehen.

Mich hat er nie wahrgenommen. Die Welt bestand für ihn aus Menschen, die in Schwierigkeiten steckten, und solchen, die sie mit dem Hubschrauber da wieder rausholten. Ich passte nicht in diese Kategorien. Als ich ihn einmal fragte, was seiner Meinung nach die Menschen in die Berge treibe, meinte er, eine Bergbesteigung sei für viele Touristen nur ein neues Argument in einem lebenslangen Selbstgespräch, das sie mit sich führten: „Er oder ich. Sie suchen die Nähe zu den Göttern und den Beweis ihrer Einmaligkeit. Und jedes Mal, wenn sie kurz davor stehen, komme ich und hole sie da wieder runter.“