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WLADIMIR KAMINER über den Wilden Westen und knallrote Monaden

Unsere Nachbarn

Einmal verschlug mich das Schicksal nach Alt-Moabit. Dort besuchte ich eine Lesung in einer Buchhandlung. Während der Lesung hörte man von außen Polizeialarm, Schreie und sonstige Geräusche, die man sonst eigentlich nur von Hollywood-Filmen kennt. Danach erzählte der Buchhändler, während der Lesung sei der „Penny-Markt“ nebenan ausgeraubt worden, und ein Fahrzeug auf der Flucht habe gleichzeitig das Gebäude des Amtsgerichtes gerammt. Das ist typisch für unsere Gegend, meinte er. Wir standen draußen und unterhielten uns mit einigen Gästen, die etwas spät zu der Lesung gekommen waren und nicht mehr rein durften, weil die Polizei die Straße absperrte. Nicht wegen der Penny-Markt–Räuber, sondern weil auf dem Schulhof der Realschule zwei Häuser weiter ein Schüler einen anderen abknallte.

Ich war von der Kriminalität in Alt-Moabit schwer beeindruckt. Das ist ja richtig Wilder Westen hier, meinte ich. Bei uns im Prenzlauer Berg ist nichts dergleichen zu sehen. Höchstens haut einer in Liebeskummer mit dem Baseballschläger ein paar Schaufenster kaputt. Und in der Presse wird dabei ständig behauptet, die Kriminalität schleiche aus dem Osten heran.

Zu Hause hatten wir Besuch. Unsere Nachbarn Carsten und Susanne erzählten gerade neue Geschichten aus ihrem Arbeitsleben. Susanne ist Krankenschwester in einer Reha-Klinik und erzählt uns immer wieder von ihren Nachtschichten. Ein kleiner, blinder Zwerg hatte letztens eine neue Niere bekommen von einem Mann, der 200 Kilo wog. Jetzt ist der Zwerg, der sein ganzes Leben lang im Krankenhaus verbracht hat, unglaublich aktiv geworden. Er hat sich richtig in seine neue Niere verliebt: Er will alles über sie wissen und terrorisiert das Personal mit Fragen, wie sie denn wohl aussehe. Alle haben seine Niere gesehen, nur er nicht – weil er ja blind ist. Manchmal redet er auch mit seiner Niere und nennt sie jedes Mal bei einem neuen Namen.

Neben dem Zwerg liegt eine andere Patientin von Susanne – eine alte Frau, die alle Geräte im Zimmer nachpiepst. Die ganze Zeit hat Susanne einen Defibrilator auf dem Rücken. Wenn ihr Reha-Pieper piept, heißt das, jemand im Krankenhaus ist gerade dabei, den Geist aufzugeben. Dann muss Susanne mit dem Defibrilator losziehen.

Auch Carsten hat einen tollen Arbeitsplatz: Er ist im Neuköllner Haus des älteren Bürgers für die Inkontinenten-Singegruppe zuständig. Jede Woche versammelt sich diese Gruppe, um ein Kartoffellied zu singen. Carstens Aufgabe ist es, die Stühle für die Gruppe aufzustellen. Außerdem soll er jede Woche eine neue Strophe zum Kartoffellied fertig reimen.

Am Wochenende macht Carsten Hausbesuche. Er hilft alten Leuten, die ihre Rente irgendwo in ihrer Wohnung versteckt haben und danach nicht mehr finden können, wieder an das Geld zu kommen. Dabei ist Carsten ein richtiger Profi geworden. Er kann mit geschlossenen Augen in jeder fremden Wohnung Geld finden. Nur in seiner eigenen kann er das nicht, weil er und Susanne so schlecht bezahlt werden.

Carsten studiert zurzeit Leibnitz, besonderes interessiert ihn die berühmte Monadentheorie. „Wir bestehen alle nur aus Monaden und die ganze Welt um uns sowieso“, meinte er bestürzt. Wir tranken Tee, und ich versuchte Carsten zu beruhigen: „Das Leben lässt sich in keine Theorien packen, ich bin zum Beispiel stolz, eine Monade zu sein.“ Wir kuckten aus dem Fenster: Im Westen verschmolz eine runde, knallrote Monade mit dem Horizont, im Osten hing eine andere – gelb und wie mit Tinte befleckt.

Es war still im Haus. Ich schaltete das Radio ein. „Sie hörten ein Monaden-Konzert von Brahms“, verkündete eine süßliche Stimme. Es dämmerte.