berliner szenen

Neuköllner Erwachen

In the Ghetto

Bisher habe ich noch geglaubt, am angesagtesten Platz der Stadt zu leben. Ich meine, mit dem Glauben stehe ich seit 14 Jahren auf weiter Flur allein. Allein die erste Silbe meines Kiezes, „Neu“, erntet nur absolutes Unverständnis. Neukölln ist ein Pitbull. Hier kläfft in jedem Haus einer, und vor der Tür wird scharf gebissen.

Neulich schnauzte mich der Kläffer in meinem Haus an, nachdem ich ihm statt eines „Guten Morgen“ ein stummes Lächeln geschenkt hatte: „Immer freundlich, wa!“ Außer mir würde deshalb wohl niemand auf die Idee kommen, Neukölln liebevoll Endstation Sehnsucht zu nennen. Selbst Versuche, Freunde auf der Multikultiwelle anzulocken – hier sagen sich nämlich nicht nur auf dem Flugfeld Tempelhof die Füchse gute Nacht, sondern südlich des Hermannplatzes die ganze Welt –, stoßen auf taube Ohren. Wegen der rechten Platzhirsche, die ja nichts mehr hassten als Multikulti und das Wort so oft im Mund führen wie den Stolz. Wenn die erst richtig Lunte riechen, wird nicht mehr gefackelt, sondern abgeklatscht.

Nun gut, vor zwei Jahren hat man meinen Kiez Bronx getauft, da ertrage ich Rostock-Lichtenhagen auch. Ich kann ja jederzeit in die schöne neue Welt der Mitte fahren. Oder nach Prenzlauer Berg oder nach Friedrichshain, wo jetzt viele meiner Freunde untergekommen sind. Nur, wäre das seit ein paar Wochenenden nicht ein Unternehmen, das den Eindruck erweckt, hinter Neukölln beginne die Bannmeile Berlins. Ich sage nur Pendelverkehr und Schienenersatz. Die U-Bahnlinie 8: ab Kottbusser Tor mausetot. Auf der Linie 1: leere Schienen. Und mit der S-Bahn ab Hermannstraße: pendeln, pendeln, pendeln.

Ich möchte gar nicht rekonstruieren, wie ich mich wochenends zum Alexanderplatz durchschlage. Dort kann ich die blaugrünen Kacheln vor lauter weißen Zetteln mit Pfeilen und den drei großen Buchstaben SEV kaum noch sehen. Klingt nach Sommererstverkauf und endet auch genau vorm einzigen Kaufhaus am Platz. Dass ich dann doch noch einen halb leeren Busersatz Richtung Neukölln finde, ist nur meiner guten Ortskenntnis geschuldet.

Wirklich Sorge bereitet mir daheim, wenn ich abends noch einmal raus muss. Anhand des Stadtplans suche ich mir die einzig noch frei passierbaren Übergänge aus. Man meint, die Mauer verlief früher allein um Neukölln und stünde nun wieder. Deshalb überlege ich jetzt ernsthaft umzuziehen – in den Osten. Allerdings nicht in dieser Stadt. Leipzig soll ja jetzt richtig hip sein. Und: wenigstens gleich die ganze Stadt ein Ghetto. PETRA WELZEL