: Kellerkinder statt First Ladys
Kränkelnd stolpernde Breakbeats: WordSound-Abend im Molotow ■ Von Alexander Diehl
Das Hamburger HipHop-Publikums war in der letzten Zeit mit interessanten Gastspielen nicht eben reich gesegnet. Da wurden zum Beispiel die Größen des Abstract-HipHop zwar schnell nach Europa geflogen – an Hamburg fuhren Slam-Poetry- und Dekonstruktivismus-Beeinflusste wie Saul Williams, Mike Ladd oder auch Anti Pop Consortium dann aber regelmäßig vorbei.
Und dann gibt es ja noch die regelmäßig verschobenen oder abgesagten Shows insbesondere dder großen Namen; die Planungssicherheit eines Genres genießt keinen sonderlichen Ruf, wenn seine Stars immer wieder durch TV-Auftritte, Gerichtstermine oder anderer Leute Plattenaufnahmen davon abgehalten werden, Verträge zu erfüllen: Der Wu-Tang Clan schien sich zeitweise einen Spaß aus mythenstiftenden An- und Abkündigungen zu machen, auch Eminem-Fans waren wiederholt zu Flexibilität aufgerufen.
Oder eben: Wie es die missgünstigen Termin- und Logistikgötter zuweilen wollen, sollten aber heute Abend eigentlich zwei Ausformungen des im weitesten Sinne selben Genres gegeneinander an – nicht mal an gar zu weit entfernten Enden der Stadt. Aus den eingangs skizzierten Gründen wird daraus nichts: Das heutige Konzert von Busta Rhymes-Schützling Rah Digga, Münchens Fiva MC und Hamburgs Demnächst-Star Nina (jetzt ohne MC) ist – auch nicht eben langfristig – abgesagt worden. Was die potentiell an beiden Veranstaltungen interessierten Ausgehwilligen andererseits in die vorteilhafte Lage bringt, sich nun doch nicht entscheiden zu müssen: Die Wahl fällt in jedem Fall auf die Kellerkinder aus Brooklyn, wenn die First Ladys sich entschuldigen lassen.
In ebendort gelegenen, modrigen Lagerhäusern, Frequenzkellern und Tiefbass-Parkdecks findet das WordSound-Label gemeinhin seine Vertragskünstler. Manchenorts in dem Ruch stehend, eine Art HipHop für Leute zu produzieren, die eigentlich gar keinen hören wollen, verfolgt man recht unbeirrt einen – anfangs – einzigartigen Sound zwischen Dub und Breakbeats, kränkelnd stolperndem Hip-Hop und knuffigem Vorabend-Industrial. Und weil selten Limousinen oder glamouröser Drogenreichtum inszeniert werden (eher die anderen Seiten solcher Phänomene), war das Ganze dann eben für manche kein HipHop mehr. Wie es so geht. Splatter-Artwork und „Guerilla-Thinktank“-Überbau aus urbaner Legendenbildung, Verschwörungstheorien und allerlei unbedenklich Abseitigem bescherten ihm dann endgültig eingeschworene bis zuweilen sektiererisch anmutende Fans. Es haben schließlich auch weithin anerkannte HipHop-Persönlichkeiten wie Prince Paul oder ex-Jungle Brother Sensational ihre Spuren hinterlassen.
Wenn sich jetzt die – laut Veranstalterangaben – „Speerspitzen des New Yorker Underground Hip-Hop“ im Molotow einfinden, ist DJ Scotty Hard dabei, der in den letzten Jahren etliche HipHop-Acts produziert, gemixt oder geremixt hat. Neben Schlagzeuger Leon Lamont wird Rapper Mr. Dead die Hauptfigur des Abends sein. Er ist eine Hälfte der Metabolics und arbeitet ansonsten naheliegenderweise als Spezialist für Make-up-Effekte in zweitklassigen Horrorfilmproduktionen. Jüngst erschien unter seiner Ägide das zweite Metabolics-Album Dawn of the Dead, ein spröd-jenseits fasziniert bollerndes Stück HipHop unter weitgehender Missachtung moderner Produktionsmittel – nicht zu seinem Nachteil – und der Teilnahme diverser Hasen des Genres, darunter Prince Paul, Dan The Automator und M. Sayid (Anti Pop Consortium).
Ach ja, ein vierter Name taucht auf, wird aber keinen Platz im Tourbus beanspruchen. Der mysteriöse Kill Dog E wird auch den Catering-Aufwand nicht nennenswert in die Höhe treiben, handelt es sich doch um ein Alter Ego des bereits erwähnten Scotty Hard, zuständig gewissermaßen für die – noch überzogenere – Umsetzung der überkandidelten Todesfaszination des Labels und der Tour: Die Rede geht von rasierten Schädeln, Gangsta-Gangbangs und Serienmorden. Wir sind gespannt auf die Umsetzung in ein Entertainment-Format.
heute, 21 Uhr, Molotow
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