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WLADIMIR KAMINER über Kulturaustausch

Russen haben Humor, und Deutsche können Schweine melken. Oder so ähnlich

In Potsdam fand ein Deutsch-Russisches Kulturforum statt. Über hundert Teilnehmer versammelten sich im Konferenzsaal eines Potsdamer Hotels: Wissenschaftler, Künstler, Journalisten und Politiker aus beiden Ländern. Ein Ministerpräsident sprach das Grußwort – er freute sich, alle Anwesenden hier zu haben, und lobte den Kulturaustausch. Die Teilnehmer machten es sich bequem und füllten ihre Gläser mit Mineralwasser und Apfelsaft. Bis zur Mittagspause waren es noch gut drei Stunden hin, im Programm war ein Streitgespräch vorgesehen – zum Thema „Die Zeiten verändern sich – ach wirklich?“. Zwei Professoren sollten sich darüber streiten: ein deutscher Ästhetiker aus Wuppertal und ein russischer Philosoph aus Wien.

„Wir Deutsche“, meinte der Ästhetiker, „haben einen großen Wohlstand erreicht, in kürzester Zeit haben wir das Land aus Ruinen wiederaufgebaut. Aber wir kennen keinen Spaß, wir sind nicht richtig witzig. Die Russen dagegen wissen mit ihren Ruinen nichts anzufangen, haben dafür aber eine sehr weit entwickelte Witzigkeit. Sie singen und tanzen gerne. Also könnten die Deutschen und die Russen sich wechselseitig bereichern. Wir beschaffen die Kohle, und die Russen sorgen für die Unterhaltung“, meinte der Ästhetiker. Sein Beitrag missfiel den Russen. Ein russischer Dichter meldete sich zur Wort. Er sei zwar immer bereit, den ausländischen Kollegen ein Stück von seiner Witzigkeit zu borgen, meinte er, aber seinem eigenen Volk wünsche er doch, sich ab und zu auch mit ernsthafteren Tätigkeiten zu befassen. „Allein mit Singen und Tanzen kommen wir nicht weiter“, behauptete der Dichter.

Daraufhin regte sich der deutsche Ästhetiker auf: „Sie wollen Russland wohl partout europäisieren, seine Besonderheit zerstören – aber ein solches Russland braucht hier doch kein Mensch, wir haben ja schon Tschechien, Polen und Serbien . . . Nein, nein, dann können Sie gleich den Laden dichtmachen“, meinte er. „Lasst uns lieber über die Mode reden, da habe ich extra etwas vorbereitet“, erwiderte der russische Philosoph. „Ich lese regelmäßig Brigitte und möchte diese Zeitschrift auch Ihnen wärmstens empfehlen. Man kann sehr viele erstaunliche Erkenntnisse im Laufe der Zeit aus Frauenzeitschriften gewinnen – wenn man sie richtig liest . . .“ „Aber wie, meinen Sie, soll der zukünftige kulturelle Austausch zwischen unseren beiden Ländern aussehen?“, unterbrach ihn der Ästhetiker. „Ich weiß nicht, ich muss überlegen“, sagte der Philosoph. „Ich werde Ihre Frage gleich nach der Pause beantworten.“ Von allen unbemerkt waren drei Stunden vergangen.

In der Pause erkundigte ich mich bei meinem Nachbarn, einem deutschen Politologen, der hinter mir gesessen hatte, was an unserem Platz die ganze Zeit so merkwürdig roch. „Das kam aus meiner Tasche“, klärte er mich auf. Er habe gestern in einem Bioladen aus Neugier ein Stück Schweinekäse gekauft und ihn in seiner Tasche vergessen. Ein Russe, der zufällig neben uns stand, lachte. „Was erzählen Sie da für ein Unsinn, Schweinekäse gibt es doch gar nicht“, meinte er. Der Politologe war beleidigt. „Woher wollen Sie wissen, dass es keinen Schweinekäse gibt?“ – „Ich weiß es“, versicherte ihm der andere, „weil ich Biologie studiert habe. Schweine kann man nicht melken, und daher kann es auch keinen Schweinekäse geben.“

Der Politologe wurde kiebig: „Vielleicht kann man bei Ihnen in Russland keine Schweine melken, weil ihre Landwirtschaft technisch nicht so entwickelt ist und keine fortschrittlichen neuen Verfahren kennt. Aber bei uns in Deutschland beziehungsweise in der Schweiz kann man schon lange so ziemlich alles melken, was Zitzen hat.“ – „Sie wollen mich auf den Arm nehmen“, beklagte sich der Biologe. „Die Säue geben nur dann ihre Milch ab, wenn sie von ihren Ferkeln dazu heftig aufgefordert werden. Man muss schon sehr lange grunzen und die Sau kitzeln, um an ihre Milch ranzukommen . . .“ – „Die Kühe werden doch auch nicht mehr per Hand gemolken“, entgegnete der Politologe.“ – „So wurden wahrscheinlich auch für Schweine entsprechende Melkmaschinen entworfen.“ – „Ich glaube Ihnen kein Wort“, sagte der Russe. „Es gibt keine grunzenden Maschinen, so wie es auch keinen Schweinekäse gibt. Sie machen doch nur Spaß.“ – „Nein“, bestand der Politologe, „das ist mein voller Ernst. Im Bioladen wird der Schweinekäse im Übrigen von Hand gemolkenen Säuen angeboten. Da grunzt der Bauer quasi noch selbst. Sie können gern ein Stück von meinem Käse probieren, wenn Sie wollen. Er ist einzigartig im Geschmack, vielleicht wird es Sie überzeugen“, schlug er uns vor. „Gern“, sagte der Russe.

Der Deutsche machte seine Tasche auf und holte den umstrittenen Käse heraus. Zu dritt aßen wir ihn auf, er schmeckte tatsächlich nicht übel. „Na gut“, sagte der Biologe, „unter Umständen kann ich mir nun vorstellen, dass die Schweizer so etwas Ausgefallenes produzieren, sie denken sich immer wieder neuen Blödsinn aus. Aber dass der Bauer dabei selbst grunzt, das kaufe ich Ihnen nicht ab, das ist nun wirklich nicht ernst zu nehmen.“ Die Pause war inzwischen vorbei, die Teilnehmer strömten zurück in den Konferenzsaal. „Es geht weiter“, grunzte der Politologe, „wollen wir uns ihnen anschließen?“ „Ja, gehen wir“, grunzte der Biologe zurück. Der Deutsch-Russische Kulturaustausch wurde fortgesetzt.

Immer nur Intershop lesen genügt Ihnen nicht? Am Sonntag, 29. Juli, um 18 Uhr rezitiert Wladimir Kaminer höchstselbst im Freischwimmer (vor dem Schlesischen Tor 2, Kreuzberg) aus seinem Buch „Russendisko“. Die Veranstaltung mit Musik findet im Rahmen des taz-sommer-salons statt. Karten unter 08 00 – 2 48 98 42, Informationen unter www.tazsalon.de. Wir wünschen gute Unterhaltung