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WLADIMIR KAMINER über die Arbeitslosenquote auf dem deutschen Killermarkt

Die Russenkiller kommen

In Berlin ist mal wieder schwer was los: Skrupellose Profikiller aus Osteuropa machen die idyllischen Straßen der Hauptstadt unsicher. Sie haben sich bereits die erste Reihe auf den Seiten der deutschen Boulevardpresse reserviert und erschrecken alle Bild- und Kurier-Leser: „Die Russen kommen!“ In den letzten Jahren musste bei jedem Springer-Zeitungs-Leser der Eindruck entstehen, dass alle Schurken Osteuropas nun in Deutschland ihr Unwesen treiben. Ob Drogendealer oder Diebe, Prostituierte oder Bankräuber – sie alle tummeln sich inzwischen in der Bundesrepublik. Und erhoffen sich hier einen Neuanfang.

Aber damit machen sie die deutschen Kriminellen arbeitslos. Und jetzt kommen auch noch die Auftragsmörder dazu: „Die Profikiller kommen aus Osteuropa nach Deutschland, beseitigen ihre Opfer, kassieren die Gage und kehren dann in ihre Heimat zurück, dorthin, wo sie schwer zu finden sind“, erläutert der Chef der Polizeigewerkschaft: Herr Eberhard Schönberg. Es sind schon sehr viele. Was tun?

Nicht nur die Polizeigewerkschaft macht sich große Sorgen, auch die Deutschen-Mafia, insbesondere die einheimischen Profikiller, sind über die zunehmende Konkurrenz aus dem Osten not amused. Sie fühlen sich von ihren Osteuropa-Kollegen überrumpelt, ausgetrickst – und vom deutschen Killermarkt buchstäblich verdrängt. Bei ständig steigender Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik, in die Tiefe fallenden Aktienkursen und stagnierender Exportwirtschaft wird die Anzahl der Geschäftsleute, für die es sich lohnen würde, ein paar Konkurrenten beseitigen zu lassen, immer geringer. Es besteht die Gefahr, dass aus einem Nachfrage- ein reiner Angebotsmarkt wird. Und wenn schon, wird man vielleicht sagen, dann werden die Auftraggeber eben nicht irgendeinen überteuerten deutschen Bierbauchkiller engagieren, sondern einen preisgünstigeren schlanken Osteuropäer. Laut Aussage des Gewerkschaftsfunktionärs Schönberg „kassieren die Auftragskiller aus Osteuropa 20.000 bis 30.000 Mark und kehren in ihre Heimat zurück“.

Ein deutscher Killer hat keine andere Heimat, in die er zurückkehren kann, und muss deswegen stets saubere Arbeit liefern. Er muss auch mehr Geld pro Leiche verlangen, weil er viel mehr Ausgaben hat. Die Preise in Deutschland und in Osteuropa sind nicht zu vergleichen. Allein für eine anständige Wohnung muss der deutsche Killer in Deutschland schon einige tausend Mark hinblättern. Sein russischer Kollege dagegen kann bereits nach einem einzigen Auftrag in Deutschland ein ganzes Jahr mit Frau und Kind Urlaub auf der Krim machen. Der deutsche Killer muss allein für die Waffen doppelt so viel wie sein osteuropäischer Kollege ausgeben. Der Russe besorgt sich seine Kalaschnikow oder Makarow zu Schnäppchenpreisen auf dem Wochenmarkt in der Kreisstadt. Zur Not erledigt er seine Aufträge auch auf altertümliche Art mit dem Hammer oder einfach mit der Faust.

Wenn das so weitergeht, werden die deutschen Profikiller wohl bald nach Amerika auswandern. Aber der Chef der Polizeigewerkschaft Herr Schönberg hat schon eine Lösung: Er fordert – gleiche Arbeitsbedingungen und „annähernd gleiche Bezahlung für alle . . .“ Allerdings nicht für die Profikiller, sondern für alle Polizisten, d. h., er plädiert für mehr Kooperation mit den Kollegen aus Osteuropa, damit sie sich nicht so leicht korrumpieren lassen und effektiv verhindern, dass die russischen Killer nach Deutschland gelangen. Dahinter steht eine gewisse Idee von Gerechtigkeit: deutsche Geschäftsmänner für deutsche Killer, russische für die russischen.

Nur so kann sich anscheind ein seriöser Arbeitsstil bei Dauerbeschäftigung zu stabilen Preisen entwickeln. Trotzdem scheint der Beruf des westeuropäischen Profikillers ohne Zukunft zu sein, weil die Osteuropäer schneller ziehen! Hier hülfe nur eine Gleichheit in der Ausbildung. Also, sollte jemand noch mit dem Gedanken spielen, Profikiller zu werden, wenn er groß ist – vergiss es!