: Zurück zu Tafel und Kreide
Unterrichtsmittel an den Schulen werden in diesem Halbjahr faktisch um 25 Prozent gekürzt. Schulleiter protestieren, SPD reicht Anfrage ein. Behörde: Schulen haben noch Reserven
von KAIJA KUTTER
Der Verband der Hamburger Schulleitungen (VHS) beklagt eine „dramatische Kürzung“ bei den Unterrichtsmitteln. Im Juli wurde den Schulen von der Behörde auf dem Dienstweg mitgeteilt, dass sie 9,4 Prozent weniger Geld bekommen – fürs ganze laufende Jahr. Da die Ausgaben für die ersten sieben Monate schon getätigt sind, wirkt sich das für die gerade begonnene erste Hälfte des neuen Schuljahrs „wie eine 25-prozentige Kürzung aus“, so VHS-Vorsitzender Werner Stolpe. Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Wilfried Buss kritisiert, dass die Schulbehörde „wieder einmal ein Chaos anrichtet, das Schüler und Lehrer ausbaden müssen“.
Da bei den laufenden Kosten wie Miete und Gehälter wenig zu sparen ist, trifft die Kürzung vor allem die Betriebsmittel, sagt Stolpe. Dafür steht jetzt nach seinen Berechnungen sogar nur noch die Hälfte des Etats zur Verfügung: „Das betrifft vor allem Werkmaterial, Chemikalien, Experimentiergeräte und Arbeitsmittel für Fremdsprachen, Deutsch, Kunst und Musik.“ Eben jene Fächer, in denen Schüler durch Experimentieren und selbständiges Arbeiten Erfahrungen sammeln sollen. Das Motto, so Stolpe, heiße nun: „Zurück zu Kreide und Tafel.“
Die aktuelle Kürzung verschärft einen langjährigen Trend: 1979, so Stolpe, hätten die Schulen für einen Siebtklässler noch 122 Euro im Jahr erhalten, heute seien es nur noch 50 Euro. Inflationsbereinigt sei das ein Rückgang um 77 Prozent. Die so genannte kleine Lehrmittelfreiheit für Hefte, Bleistifte und Tuschkästen war bereits 1970 abgeschafft worden.
Schulbehördensprecher Hendrik Lange bestätigt die aktuelle Kürzung, meint aber: „Die Schulen haben noch Reserven, aus denen sie das abfedern können.“ Für den Beginn des nächsten Schuljahres sei ein „neues Modell“ geplant, das die finanzielle Beteiligung der Eltern vorsieht.
Den Hinweis auf vermeintliche Reserven bei den Schulen bezeichnete der SPD-Abgeordnete Buss als „Frechheit: Offenbar fragt Senator Lange nicht nach, sondern entscheidet nach Gutsherrenart.“ Dadurch habe er die Schulen in eine dramatische Lage gebracht. „Sachliche Überlegungen kann ich in diesem Verfahren nicht erkennen.“ Seine Fraktion hat nun eine kleine Senatsanfrage zum Thema eingereicht – insbesondere zu dem angekündigten Konzept, das die Eltern in die Finanzierung der Lehrmittel einbezieht.
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