piwik no script img

Panoramablick in den Nebel

Abtauchen: Wenn der Weihnachtstrubel am schlimmsten wird, ist es Zeit, sich ans Ende der Welt zu beamen. Oder auf den Berliner Fernsehturm. Dort herrscht gähnende Leere

Die Taschen hängen schwer an beiden Armen, der neue Schlitten droht jeden Augenblick von der Schulter zu rutschen. Weihnachtseinkäufe am Berliner Alexanderplatz. Eigentlich wäre jetzt noch ein Besuch bei Saturn fällig, doch das geht nicht ohne Rempeln und Schieben an diesem Samstagnachmittag. Trübe wabert die Dämmerung über den bunten Buden, Nebel lässt kaum die Weltzeituhr erkennen, ein ohrenbetäubender Lärm über alldem. Zeit für ein Tässchen Kaffee, am liebsten so weit weg wie möglich.

Das geht am ehesten auf dem Berliner Fernsehturm. Keine Schlange vor dem Ticketschalter, leider gibt es keine verbilligten Schlechtwetter-Fahrten. Der Fahrstuhlführer freut sich über seinen Gast und hat Zeit für einen Plausch. Bäcker war er früher, doch dann hat er die Arbeitszeiten nicht mehr vertragen, so ist er zum Fernsehturm gewechselt. Viel zu schnell sind wir oben, und dort wird es gespenstisch: kein Mensch zu sehen auf der Aussichtsplattform in 203 Meter Höhe. Im Tower-Café vier Meter weiter oben buhlt die volle Auswahl Torten um die Gunst des Gastes. Ich nehme Platz und schaue durch die Panoramascheiben nach unten. Doch da ist nichts, nicht mal das Riesenrad vom benachbarten Weihnachtsmarkt lässt sich blicken. Der dichte Nebel hat alles gut verpackt.

Ich bestelle Kaffee und Schwarzwälder Kirsch und versuche den Preisschock zu mildern, indem ich das Ganze als Investment in die Ruhe und innere Einkehr betrachte. Das Drehen des Cafés um die eigene Achse ist kaum zu merken. Ich lese in dem Buch, das ich meiner Tochter schenken will, und so vergeht die Zeit. Auf Seite 50 von „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ räuspert sich die Kellnerin und fragt, ob es noch etwas sein darf. Ich mache im Geiste einen Kassensturz und schüttele den Kopf. Bis Seite 72 traue ich mich weiterzulesen, dann verlange ich die Rechnung. Zum Schluss wird noch einmal die Aussichtsplattform umrundet. Ich lese, wo sich der Reichstag befindet und wo der Flughafen Tempelhof. Und bin froh, nichts davon zu sehen.

Unten empfängt mich der Weihnachtstrubel mit voller Wucht und ich flüchte auf den Bahnsteig. Als der Zug ausfährt, schaue ich ein letztes Mal nach oben. Doch da ist nichts zu sehen. So ein Turm muss sich eben auch mal erholen.

SOPHIE BAUER

Fernsehturm, tägl. 9–24 Uhr, Alexanderplatz, Mitte, Eintritt: 6 €, erm. 3 €, Tel. (0 30) 2 42 33 33, www.berlinerfernsehturm.de

40.000 mal Danke!

40.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Was uns besonders macht? Sie, unsere Leser*innen. Sie wissen: Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Wir suchen auch weiterhin Unterstützung: suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus – schon mit 5 Euro im Monat! Jetzt unterstützen