HEILVERSPRECHEN IM TREND, STAMMZELLENIMPORT ERLAUBT

Sinn für den christlichen Jahreslauf

Oliver Brüstle hat ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk bekommen: Er darf ab sofort menschliche embryonale Stammzellen importieren. Das Päckchen haben die Deutschen Forschungsgemeinschaft und das staatliche Robert-Koch-Institut geschnürt und den Antrag des ungeduldigen Neuropathologen genehmigt. Die Kapriolen in der Wissenschaft zeigen Sinn für den christlichen Jahreslauf. Zum österlichen Fest der Auferstehung kündigte Klon-Arzt Antinori ein Baby Xerox für die Weihnachtstage an. Pünktlich zum Fest kommt jetzt die Erlaubnis, Ersatzteile zum therapeutischen Klonen nach Deutschland einzuführen.

Nach dem umstrittenen Jein-aber-Stammzellgesetz ist der Import bereits existierender Zellen in Ausnahmefällen für „hochrangige Forschungsziele“ zulässig. Selbstredend hält Brüstle seine Forschung für hochrangig, auch wenn seine Heilversprechen utopisch sind. Doch mit der fernen Aussicht auf Therapien für Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose lassen sich in Deutschland bestens Forschungsgelder mobilisieren. Brüstle hatte das ganze Jahr lang für eine „Ethik des Heilens“ geworben und sich auf einer Shoppingtour mit Wolfgang Clement im Mai in Israel schon mal die schönsten Stammzellen zurücklegen lassen. Skrupel hat er keine: Das Therapiepotenzial der Vielkönner unter den Zellen stellt für Brüstle & Co. die fragliche Menschenwürde des zum „Zellhaufen“ herabgewürdigten Häufleins Mensch in den Schatten.

Die Forscher müssen das mit dem Schlagwort von den „Lebenswissenschaften“ falsch verstanden haben. Während sich die christliche Welt auf das Fest zur Geburt Jesu einstimmt, werden im Land von Jesu Geburt Zellen zum Transport nach Deutschland vorbereitet, für die Embryonen im Frühstadium getötet werden mussten. Brüstles verharmlosend als „therapeutisch“ bezeichnetes Klonen gilt zwar als nicht so großer Tabubruch wie das „reproduktiv“ geklonte Baby, von dem die Welt hoffentlich verschont bleibt. Angesichts der fragwürdigen Fortschritte in der Wissenschaft sind aber die Ungeheuerlichkeiten kaum noch abzustufen. WERNER BARTENS

Der Autor ist Arzt und Redakteur der Badischen Zeitung