piwik no script img

wortwechselMach kaputt, was dich kaputt macht?

Neue Gewaltbereitschaft junger Menschen beschäftigt die taz-Leserschaft, kann man die Gründe, wie Gewalt entsteht, erfassen? Schlecht geführter deutscher Verteidigungsetat?

Haushalten

„So viel Geld“,

wochentaz vom 31. 10.–6. 11. 26

Der Ruf nach mehr Effizienz bei Rüstungsausgaben und einem sorgfältigeren Umgang mit dem Etat ist durchaus plausibel. Teuer wird die zur Verteidigung notwendige Aufrüstung aber so oder so, da versucht wird, innerhalb sehr kurzer Zeit Rückstände aufzuholen, die im Grunde über Jahrzehnte gepflegt wurden. Dass es dabei auch zu Unvorsichtigkeiten kommen kann, ist ein Problem, das benannt und bekämpft werden muss, aber nicht hundertprozentig vermeidbar ist.Agarak auf taz.de

@Agarak

Besonders teuer wird es aber, weil man versucht, die Waffen der letzten Jahrzehnte plus Drohnen zu kaufen, statt sich erst mal Gedanken zu machen, was der moderne Krieg erfordert. Wichtig wäre auch, wie im Artikel gefordert, mehr Koordination innerhalb Europas. Auch das würde Geld sparen, erfordert aber weniger deutsche Überheblichkeit.

warum_denkt_keiner_nach? auf taz.de

Eindimensional

„Linker Selbstmord“,

wochentaz vom 24.–30. 10. 26

Die Richtung der Kommentierung durch den Autor erscheint mir doch recht eindimensional und geschichtsvergessen. Sein Versuch der Rechtfertigung durch den Bezug auf „Putins Terrorregime“ ist für mich nur schwer zu ertragen. Vielleicht interessiert sich der Autor auch nicht dafür, dass Menschen ungestraft durch ICE-Angehörige erschossen oder wahllos verhaftet und abgeschoben werden dürfen.

Präsident Donald Trump kämpft autokratisch zusammen mit seinen Oli­garchenfreunden gegen die demokratische Verfassung des Landes, erkennt internationale Rechtsinstitutionen nicht an und pflegt innigen Kontakt zu international gesuchten Straftätern, amnestiert die Menschen, die das Weiße Haus überfallen haben.

Aber: Schuld ist die Linke, weil sie sich ja angeblich nicht eindeutig gegen Gewalt ausspricht, sich gar davon lossagt.

Michael Bay, Kleve

Gewaltexzess

„Linker Selbstmord“,

wochentaz vom 24.–30. 10. 26

Dem Autor ist uneingeschränkt zuzustimmen: Wer sich auf das Spiel der Gewalt einlässt, begeht politischen Selbstmord. Die Frustration über unfähige Regierungen und den Aufstieg der Rechten macht die Genugtuung über radikalen Widerstand emotional nachvollziehbar. Es erinnert an den „Buback-Nachruf“ des Göttinger Mescalero von 1977. Er gestand seine „klammheimliche Freude“ über den Anschlag auf den Generalbundesanwalt – folgerte im selben Text aber, dass die Gewalt der RAF in die Sackgasse führt und die linke Basis zerstört.

Genau diese Logik greift heute wieder: Gewaltexzesse wie in Limoges mobilisieren keine Mehrheiten für Wandel. Sie bedienen das Bedürfnis nach Sicherheit und treiben die unpolitische Mitte direkt in die Arme von Le Pen, Trump oder der AfD. Wer Gewalt auf der Straße billigt, liefert der extremen Rechten das Fanal für den autoritären Durchmarsch.

Und zu Ende gedacht: Wirkt es nicht ­absehbar als Brandbeschleunigung für einen zahlenmäßig mehrfach höheren braunen Mob?

Philipp Lobinger auf taz.de

Aggression

„Linker Selbstmord“,

wochentaz vom 24.–30. 10. 26

Mir scheint, dass es vielen Menschen schwerfällt, gesellschaftliche Phänomene zunächst einmal zu begreifen, bevor sie diese vor den Karren ihrer eigenen Ideologie spannen. Für mich als jemanden, der sich privat für anarchistische Ideen begeistert, wäre es ein Leichtes, die Ausschreitungen als Ausdruck einer neuen anarchistischen Bewegung zu vereinnahmen.

Zunächst frage ich mich, unter welchen Bedingungen diese Gewalt entsteht: Dazu gehört die mediale Umwelt, in der diese jungen Menschen sozialisiert wurden, ebenso wie die Erfahrung, als Angehörige migrantischer Familien in der französischen Gesellschaft aufzuwachsen. Ihre Aggressionen lassen sich nicht einfach in die Kategorien linker Politik übersetzen, nur weil sie sich gegen die bestehende Ordnung richten.

Nicht jede Revolte ist emanzipatorisch, und nicht jede Zerstörung staatlicher ­Institutionen ist antikapitalistisch. Die ­Gewalt muss vielmehr aus den Verhältnissen heraus verstanden werden, in denen sie entsteht: aus Kapitalismus, Nationalstaat, sozialem Ausschluss und ­einer ­medialen Kultur, die eigene Formen der Aggression hervorbringt.

Eichhörnchen99 auf taz.de

Gewalt

„Die Wut ist berechtigt“,

taz vom 1. 11. 26

Berechtigte Anliegen sind kein Freibrief für Gewalt.

Wer bessere Schulen, bezahlbares Wohnen und politische Mitsprache fordert, verdient Gehör. Wer Steine wirft, Brände legt oder Geschäfte plündert, muss sich dafür verantworten. Beides festzuhalten, ist keine „Moralpanik“, sondern die notwendige Unterscheidung zwischen demokratischem Protest und Gewalt.

Timm Kühn hat recht, wenn er davor warnt, eine überwiegend friedliche Bewegung anhand einzelner Gewalttäter abzuwerten. Umgekehrt überzeugt sein Vorwurf des „vorauseilenden Gehorsams“ gegenüber Organisatoren, die sich von Gewalt distanzieren, nicht. Eine solche Abgrenzung ist keine Unterwerfung, sondern Verantwortung. Klaus2001 auf taz.de

Radikaler Neuanfang

„Ein Abgang, ein Riss“,

taz vom 17.–23. 10. 26

Der Autor bringt die große Leerstelle der SPD treffend auf den Punkt.

Schließlich fehlt der Partei bereits seit Längerem eine echte Vision für eine bessere und solidarischere Gesellschaft. Durch diesen Mangel verlor sie den Bezug zu den einfachen Menschen, die nur sehen, wie man im Willy-Brandt-Haus hochgradig soziale Probleme wie die massiv verteuerten Lebenskosten schon unter Bundeskanzler Olaf Scholz weitgehend ignoriert hat.

Zudem liefern die Sozialdemokraten ebenfalls nicht bei den großen Zukunftsaufgaben, obwohl sich gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz und eines in den nächsten Jahren noch einmal durch den Abgang der Babyboomer-Generation in den Ruhestand dramatisch verschärfenden Fachkräftemangels in vielen Branchen mehr denn je eine aufstiegsfördernde Bildungsoffensive anbieten würde. Deshalb hilft der strauchelnden Sozialdemokratie nur ein radikaler Neuanfang aus der Misere.

Rasmus Ph. Helt, Hamburg