wortwechsel: Familie und Freizeit oder Arbeiten und Shoppen?
Ist Freizeit ein hohes Gut – solange andere sie für die Arbeit opfern? Und wie wäre es mit einem europaweiten Grundeinkommen?
Foto: Karsten Thielker
Vorbild Großbritannien
„Sollten Geschäfte am Sonntag geöffnet sein?“, taz vom 15. 7. 26
Genau das wäre ein Thema, wo die Bürger*innen in einem Volksentscheid selbst darüber entscheiden sollten, da die Politik unfähig zu Reformen ist. Soll es eine Regelung wie im Vereinigten Königreich von Nordirland und Großbritannien geben?
Ich arbeitete in den 1990er Jahren vier Jahre dort. Es gibt wenige Feiertage, an denen der Einzelhandel sonntags nicht öffnen darf. Ansonsten ist es von der Verkaufsfläche abhängig. Kleinere Läden dürfen rund um die Uhr öffnen. Super- und Fachmärkte nur wenige Stunden.
In der Kleinstadt wo ich lebte, öffneten die kleinen Läden samstags zu den gleichen Zeiten wie wochentags. Und selbst in Einkaufsstraßen wie der Oxford Street in London öffneten einzelne Geschäfte an Sonntagen nicht. Ich bin bei dem Thema gespalten. Einerseits habe ich kein Problem damit, wenn der Ladenschluss nicht weiter aufgeweicht wird. Ich weiß, dass es bisher auch ging und insbesondere, als die Öffnungszeitenregelungen noch strikter waren.
Andererseits bin ich der Meinung, dass die geltenden Ausnahmeregelungen ausgenutzt werden und rechts-, sprich verfassungswidrig sind. In Geschäften in Bahnhöfen und Flughäfen wird vieles verkauft, was definitiv kein Reisebedarf ist.
Während Tchibo-Läden oder Supermarktfilialen an den Hauptbahnhöfen oder Flughäfen öffnen dürfen, müssen die regulären Geschäfte geschlossen bleiben.Jürgen Helten, Köln
Kurzsichtiges kommerzielles Interesse
Es gibt nicht mehr viel, was diese Gesellschaft miteinander verbindet, und von daher wird es auch keine Möglichkeit geben, allgemeine freie Tage (wieder) neu einzuführen. Wer da jetzt aus kurzsichtigem kommerziellen Interesse den Sonntag opfern möchte, sollte das bedenken – und sich nicht wundern, wenn dann auch alle anderen Betriebe einen „ganz normalen“ zusätzlichen Werktag fordern.
Wie sagte ein chinesischer Freund schon vor Jahren: Ihr wisst gar nicht, wie gut es ist, zuverlässige staatlich geregelte Ruhezeiten zu haben. In unseren Metropolen läuft einfach alles rund um die Uhr, jeden Tag.
vieldenker auf taz.de
Gemeinsame Pausen für die Gesellschaft
Vielleicht liegt Fortschritt darin, Grenzen zu akzeptieren. Zu erkennen, dass nicht alles jederzeit verfügbar sein muss. Dass eine Gesellschaft auch von gemeinsamen Pausen lebt – von Zeiten, in denen Familien zusammenkommen, Vereine stattfinden, Ehrenamt gelebt wird oder Menschen einfach nichts leisten müssen.
Ironischerweise sind es oft diejenigen, die den freien Sonntag verteidigen würden, wenn es um ihre eigene Branche ginge, die ihn im Einzelhandel als überholtes Relikt abtun. Offenbar ist Freizeit ein hohes Gut – solange andere sie opfern.
Stefan Schmitt auf taz.de
Andere Spielregeln
taz vom 14. 7. 26
Barbara Oertels Kommentar trifft einen wichtigen Punkt, doch der Vergleich mit dem System Orbán geht fehl. Dass die neue Regierung hart gegen Orbán-Getreue vorgeht – Präsident, Medienaufsicht, Verfassungsgericht –, mag in einem Redemokratisierungsprozess notwendig sein.
In der Politikwissenschaft wird unter dem Begriff „restorative disobedience“ (Hillion, Pavone, Scherz 2026) diskutiert, dass eine neue Regierung sich nicht auf die Spielregeln einlassen kann, die eine autokratische Vorgängerregierung selbst aufgestellt hat – sonst droht die dauerhafte Blockade durch sogenannte „autocratic enclaves“.
Rechtliche Bedenken, wie sie Amnesty International äußert, sind dabei durchaus ernst zu nehmen.
Was im Artikel aber fehlt: Bereits im Herbst 2027 könnte eine neue Verfassung mit direkt gewähltem Staatsoberhaupt in Kraft treten. Zusammen mit der Zwölf-Jahres-Grenze für Abgeordnete und der Acht-Jahres-Grenze für Regierungschefs zeigt das, dass es Magyar nicht um dauerhafte Machtkonzentration, sondern um befristete Übergangsmaßnahmen geht – das Gegenteil von Orbánismus 2.0.
Balázs Bendegúz Bökönyi, Frankfurt (Oder)
EU-Grundeinkommen und „soziale Commons“
„Vereinigte Staaten von Europa: Verschiebung des Möglichen“
taz vom 10. 7. 26
Herr Teichert schreibt in seinem exzellenten Debattenbeitrag: „Der eigentliche Unsicherheitsfaktor liegt allerdings darin: Die Menschen stimmen zu, lassen die Verfassung ratifizieren – und entwickeln trotzdem keine europäische Identität.“ Eine europäische Identität kann gestärkt und gefördert werden, indem ein weiterer Vorschlag hinzugefügt wird: Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird für alle Menschen in diesem EU-Verfassungsraum garantiert.
Dieses Grundeinkommen deckt alle essenziellen Bedürfnisse der Menschen wie Nahrung, Kleidung, Hygiene, kulturelle und sportliche Teilhabe ab, die nicht durch öffentliche, frei zugängliche Dienstleistungen bereitgestellt werden.
Die finanziellen Mittel für ein Grundeinkommen werden durch eine Gebühr/Abgabe auf die profitorientierte Nutzung unserer natürlichen und sozialen „Commons“ (Allmende) erzeugt. Beispiele für natürliche Commons sind Luft, Land, Boden, Wasser, soziale „Commons“ sind unser Wissen, das Recht, das Geld, das Internet. Bei internationalen Commons wird von der Europäischen Union (EU) eine Einfuhrgebühr erhoben, zum Beispiel eine CO2-Abgabe. Im Augenblick sind die profitorientierten Unternehmen Trittbrettfahrer unserer gemeinsamen Commons: sie nutzen sie für ihre privaten Profite ohne zu bezahlen. Dies muss beendet werden. Das Grundeinkommen ist somit eine Dividende und Umverteilung von Geld in der Gesellschaft, sodass alle Menschen in der EU eine sichere Lebensbasis haben und sich mit der EU als Verfassungsraum identifizieren. reinhard huss
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