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wortwechselReformen: Es geht voran! Oder doch nicht?

Es tut sich viel in der deutschen Politik: Gesundheitsreform, Erhöhung der Tabaksteuer, Tankrabatt. Aber bringen die Maßnahmen die erwünschten Effekte?

Irgendwie war es mal cool, zu rauchen … Später ist man froh, wenn man es schafft, aufzuhören Foto: imago

„Sparen statt Reformieren“: Die Bundesregierung einigt sich auf ein Gesetz zur Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen“, taz vom 29. 4. 26

Anthroposophische Medizin

Die Evidenzlage bei anthroposophischen Arzneimitteln ist durchaus gut, denn es handelt sich meist um traditionelle pflanzliche Wirkstoffe. So etwa bei Medikamenten wie Arnika-Salbe, Euphrasia-Augentropfen oder Plantago-Hustensaft (Spitzwegerich). Nicht ohne Grund ist etwa in der Schweiz die anthroposophische Medizin mit anderen komplementärmedizinischen Therapieformen im Jahr 2009 mit großer Mehrheit bei einer Volksabstimmung zur gesetzlichen Kassenleistung avanciert.

Dass viele ÄrztInnen in Deutschland auch homöopathische Therapien anbieten, hat auch mit guten Erfahrungen bei der Behandlung chronischer Leiden zu tun. Hier kommen insbesondere die ausführliche Anamnese (45 bis 60 Minuten) und die begleitenden Empfehlungen zu Änderungen im Lebensstil (Bewegung, Ernährung, Verzicht auf schädliche Konsummittel) zum Tragen – also Elemente, die in der Standard-Sprechstunde meist zu kurz kommen.

Die von der FinanzKommission Gesundheit angesetzten Einsparungen bei Homö­opathie und Anthromed sind nicht nur sehr gering (umgerechnet 53 Cent jährlich pro KassenpatientIn!), sie werden wahrscheinlich zu deutlich höheren Ausgaben für Standardmedikamente und Therapien führen, ohne dass es den PatientInnen dadurch besser geht, etwa bei chronischen Schmerzen, Reizdarm-Syndrom oder Allergien.

Weil die integrative Medizin gerade bei Prävention/Behandlung chronischer Krankheiten von großer Bedeutung ist (auch volkswirtschaftlich, siehe die hohe Zahl der Krankentage), – plädiert der Bürger- und Patientenverein „Gesundheit Aktiv!“ zusammen mit der Kampagne „weil‘s hilft“ (u.a. mit dem Kneipp-Bund) für ein Moratorium statt kompletter Streichung: Sie schlagen einen verbindlichen Evaluationsrahmen vor, der die tatsächliche Wirkung integrativer medizinischer Verfahren im Versorgungskontext untersucht – insbesondere auch mögliche präventive Effekte, deren Potenzial bislang unzureichend erforscht ist.

Ansgar Warner, Berlin

Risiko steigender Beitragssätze

Gut ist, dass die Kürzungen beim Krankengeld abgewendet wurden. Gut ist auch, wenn die Vergütungen der Krankenhäuser und der niedergelassenen Ärzte nicht mehr stärker steigen als die Löhne. Denn sonst steigen die Beitragssätze immer weiter.

Gerade das erwartbare Gejammer der Krankenhäuser ist nicht ernst zu nehmen. Die Kirchen, die Krankenhäuser betreiben, sind nach wie vor stinkreich. Und die meisten Krankenhäuser gehören entweder Kapitalgesellschaften oder sind in kommunaler Hand, wo auch viel geklagt wird, aber bekanntlich immer genug Geld vorhanden ist, wenn es um irgendwelche Prestigeprojekte geht wie zum Beispiel die usrichtung Olympischer Spiele oder den Bau protziger neuer Verwaltungs­gebäude.

Le­se­r*in Budzylein auf taz.de

Zu wenig Geld für Bürgergeldempfänger

Alle hier aufgezählten Punkte erscheinen mir nachvollziehbar und gut. Bis auf einen. Die 250 Millionen Euro in den Jahren 2027 und 2028, die der Bund für Bürgergeldempfänger zahlen will. Die Summe scheint ein Witz zu sein. Es geht hier um circa 12 Milliarden Ausgaben, und 250 Millionen sind davon gerade einmal 2,1 Prozent.

Le­se­r*in GaGaZar auf taz.de

Einsparungen gefährlich für Gesundheit

Wir haben in Deutschland je nach Ehrlichkeit der Meldenden jährlich zwischen 10.000 und 40.000 Todesfälle durch Krankenhauskeime. Verursacht durch mangelnde Hygiene, die Schuld wird in aller Regel externen Reinigungsunternehmen gegeben, deren Personal oftmals nicht die hier erforderlichen Hygieneanforderungen erfülle. Externalisiert, weg von vormals entsprechend geschulten Kräften, wurden solche Arbeiten aufgrund von Sparmaßnahmen: Einnahmen der Krankenhäuser generieren sich durch Fallpauschalen, nicht über Hygieneanforderungen. Erneute 16,3 Milliarden € Einsparungen im Gesundheitswesen konnten jetzt seitens unseres Gesundheitsministeriums sehr genau errechnet werden, damit aber sicherlich auch die zu erwartenden zusätzlichen Todesfälle, aber wo sehe ich jetzt deren Zahlen?

Ulrich Esch, Göttingen

Raucherlobbyismus

„Die höhere Tabaksteuer geht zu Lasten der Ärmeren“

taz vom 29. 4. 26

Sie behaupten, dass überdurchschnittlich viele Menschen mit geringem Einkommen zu der Gruppe der Raucher gehören und damit proportional stärker belastet werden. Dann versteigen sich die beiden AutorInnen in die Behauptung, Rauchen sei ja nun mal eine Sucht, gegen die man als Betroffene wenig bzw. nichts machen könne. Sorry, aber das ist (raucherlobbyistischer) Unsinn.

Sehr wohl hat jede/r vielfältige Möglichkeiten der Entwöhnung, die sogar kassenfinanziert sind. Es ist natürlich immer auch eine Frage des Willens. Sich hinter einer „Schicksalsmauer“ zu verstecken und die Armenkarte auszuspielen ist wohlfeil. Und die RaucherInnen mit gutem Einkommen klatschen innerlich Beifall.

Zeitgleich werden viele, oft versteckte Preiserhöhungen vorgenommen, die alle VerbraucherInnen stark belasten. Der Kampf gegen monopolistisch agierende Konzerne in diesem Bereich sollte daher im Fokus stehen. Raucher sind dagegen keine besonders zu schützende gesellschaftliche Gruppe.

Jochen Göhler-Jetschmann

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