wortwechsel: Wie sieht ökologischer, sanfter Tourismus aus?
Nur weniger Fliegen hilft? Oder reicht Kompensieren bei atmosfair? Ist die AfD progressiv? Es scheint, als ob wir Begriffe neu definieren müssten
Kompensation
„Am besten wäre es, aufs Fliegen zu verzichten“
wochentaz vom 24. 1. bis 30. 1. 26
Ich „kompensiere“ die wenigen Flüge, die ich nutze bei atmosfair. Ich durfte mich beim Tischgespräch mit Bekannten dafür schon als „armer Spinner“ bezeichnen lassen, denn das System ist ja freiwillig, also selbst schuld, wer’s macht.
Prof. Ernst Ulrich von Weizsäckers regte schon vor längerer Zeit an, dass wir die Preise von Gütern und Dienstleistungen die ökologische Wahrheit sagen lassen. Das wäre Ordnungspolitik, die wohl nur supranational angestoßen werden könnte, und dafür sehe ich leider derzeit keinen politischen Willen.
Das leider 2024 eingestampfte Compensaid-Angebot der Lufthansa gab einen guten Hinweis auf den ökologisch wahren Preis einer Flugreise. Bei Compensaid konnte man fließend einstellen, wie viel Sustainable Aviation Fuel SAF (Herr Brockhagen nennt es „E-Kerosin“) für den eigenen Flug getankt werden soll. Bei zwei Businesstickets Frankfurt–Mauritius und zurück, zusammen etwa 6.500 Euro teuer, fiel ein Kompensationspreis von knapp 3.000 Euro an. Das liegt sicher daran, dass die Tonne E-Kerosin aktuell noch achtmal so teuer ist wie herkömmliches.
Peter Lehan, Erding
Weniger Fliegen
„Nur noch kurz das Reisen retten“,
wochentaz vom 24. 1. bis 30. 1. 26
Sollte das Thema nicht doch Massentourismus heißen? Es werden sich überall wohlmeinende Projekte des sanften oder ökologischen Tourismus finden lassen, die jedoch keineswegs ein- oder zweiwöchige Fernreisen zum Tauchen mit Schildkröten legitimieren dürfen.
Ich kenne niemanden, der/die durch solche Reisen zum besseren Menschen geworden ist und sich zu Hause gegen den Autobahnausbau oder für die Renaturierung von Mooren einsetzt. Deswegen hat Dietrich Brockhagen recht: Nur weniger Fliegen hilft, denn Effizienzsteigerungen wurden durch Zuwächse beim Fliegen zunichte gemacht. Es wird mehr geflogen, es gibt mehr Kreuzfahrten. Tourismus hat nichts mit Erholung und Weltentdeckung zu tun, es ist ein riesiger Geschäftsbetrieb, der in all seinen Facetten Natur, Umwelt, Klima und soziale und regionale Zusammenhänge schädigt.
Wir Touristen sind verantwortlich. Wir entscheiden, ob wir eine ausbeuterische Kreuzfahrt, eine 10-tägige Fernreise oder Ferien auf dem Bauernhof machen. Wir entscheiden, ob wir die lokale Infrastruktur ausbeuten oder unterstützen, ob wir unseren Müll im Naherholungsgebiet oder im Hochgebirge hinterlassen.
Ich habe null Hoffnung, das Hypergeschäft Massentourismus könnte sich selbst regulieren. Diskutierst du das mit Leuten, erntest du Reaktionen von Beleidigtsein, Aggression und Ignoranz. So eine Idee von Dirk Reiser wie ein Dreijahresrhytmus stößt nur auf Empörung. Es ist nicht zu erwarten, dass die Regierungen für Begrenzungen sorgen, wenn sie doch alles tun, um zum Beispiel die Kreuzfahrtindustrie wegen der Werftarbeitsplätze zu fördern. Jeannette Kassin, Hamburg
Vater bei der SS
„Zwischen Tätern und Opfern besteht ein geschichtliches Vakuum“,
wochentaz vom 24. 1. bis 30. 1. 26
Danke für das Gespräch mit Götz Aly!! Sehr gut seine Antwort auf die Bemerkung „Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen“: Hohe formale Bildung schützt nicht davor, am abgrundtief Bösen mitzuwirken!
Mit 25 erfuhr ich per Zufall, dass mein Vater zur SS gehört hat, für mich ein Schock, mein geliebter hoch verehrter Vater, beliebter Lehrer fiel plötzlich in mir so tief. Ich hatte immer geglaubt, meine Eltern wären eher im Widerstand aktiv gewesen, nein, das Gegenteil war der Fall. Ein ehemaliger Schüler meines Vaters bemerkte: „Die haben uns alle belogen.“
Erst kurz vor seinem Tod antwortete mir mein Vater: „Partisanen von den Bäumen geschossen …„ Bis heute stehe ich mit diesem Wissen in meinem Bekannten-/Freundeskreis alleine da. Nur Günter Grass habe ich einmal deshalb angesprochen. Ich glaube, die Angst davor, jemand könnte in der eigenen Familie in der SS aktiv gewesen sein, verhindert ein Wissen und Aufgeklärtsein. Ich bin per Tandem mit meinem Mann später bis nach Lublin-Majdanek, gefahren um diesen Orten, wo mein Vater aktiv war, nachzuspüren.
Swantje Schuchard, Lübeck
Provokation gelungen
„Wie verhindern wir eine progressive Mehrheit?“,
wochentaz vom 24. 1. bis 30. 1. 26
Herr Unfried hat wieder mal zugeschlagen, wenn er schreibt: „Wie verhindern wir eine progressive Mehrheit, denn die einzige progressive Partei ist die rechtspopulistische bis rechtsextreme AfD.“ Was die AfD ist, haben wir nun zur Genüge erfahren, sie ist nicht progressiv, sondern eine Abbruchpartei und damit das Gegenteil von progressiv. Progressiv heißt für mich heute: durch soziale und ökologische Reformen zu versuchen die notwendige Transformation durchzusetzen, um Natur zu erhalten und um menschliche Lebensbedingungen zu verbessern, und zwar universell.
Wenn Herr Unfried aber nur provozieren wollte, so bin ich ihm voll auf den Leim gegangen. Wäre schön, wenn es so wäre. Eberhard Bueb, Breisach
Progressive Menschen
Es ist schon sehr befremdlich, in der taz lesen zu müssen, dass die einzige progressive Partei die AfD sei. Peter Unfrieds Update des Begriffes „konservativ“ in diesem Zusammenhang ist vollkommen unzureichend. Natürlich gibt es auch im Konservatismus Dinge, die zu bewahren sind. Aber das „Bewahren unserer gesellschaftlichen und planetarischen Grundlagen“ reicht bei Weitem nicht mehr aus.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der die soziale Kluft immer größer und ungerechter wird, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Und der „Rechtsruck“, den es laut Unfried nicht gibt, bedroht unsere Gesellschaft existenziell.
Gerade um das zu verhindern, braucht es progressive Menschen in progressiven Bündnissen, die bereit sind, unsere pluralistische und vielfältige Gesellschaft zu verteidigen. Denn „progressiv“ heißt „fortschrittlich“.
Indem er dies als „Progressivgequatsche“ von „Kurzdenkern“ diffamiert, trägt Unfried mit dazu bei, unsere Gesellschaft zu spalten. Eduard Hartmann, Berlin
Neu denken
Die Adjektive „konservativ“ und „progressiv“ tragen eine latente Bewertung und emotionale Besetzung, die weit verbreitet ist. Peter Unfrieds Artikel zeigt auf, warum dieses Verständnis nicht mehr angemessen ist; die Begriffe müssen, wie er ausführt, neu gedacht werden.
Cornelia Puk, Herrenberg
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