taz-Serie Damals bei uns daheim

Das Fest

Wenn die gesamte Stief-Verwandtschaft zusammenkam, gab es Himbeerschnaps aus der Flasche und Sterbemusik aus dem Radio. Denn es wurde gefeiert.

Zwei Männer und eine Frau sitzen an einem Tisch, tragen Partyhütchen und lachen mit roten Gesichtern

Familienfeiern waren wie Reichsparteitage, nur mit weniger und umso böseren Gästen Foto: imago/Gerhard Leber

Gern erinnere ich mich an unsere Stieffamilienfeiern. Anlass war meist irgendwas mit Gott oder Deutschland. Für einen Tag wurden wir Stiefkinder aus Gummistiefeln und Lederhosen herausgelöst und in echte Schuhe sowie winzigkleine Cordhosen und Kleidchen hineingetan. Wir genossen diese seltenen Momente, da man uns wenigstens wie Menschen anzog, wenn schon nicht so behandelte.

Die gesamte Stiefverwandtschaft war zu Gast. Es war wie ein Reichsparteitag, nur mit weniger, dafür umso böseren Menschen. Die Stiefgroßeltern. Stiefgroßonkel Molfsee. Stiefonkel und Stieftante Kackwurst. Meine Stiefvettern Horst, Heinz und Hans, die Stiefbasen Edith und Erika und über alle wachte grinsend Stieftante Gisela, deren Skelett man eigens für diesen Tag vom Dachboden geholt und auf Hochglanz gewienert hatte.

Daneben ramenterten ein paar – da sie wie verwest und schon mal ausgegraben aussahen, rochen und sich leider auch noch so benahmen – wohl ebenfalls längst tote Stiefverwandte mit Pickelhauben durch den Raum, soffen Himbeerstiesel aus der Flasche und weigerten sich, ordentlich mit Besteck zu essen. Damals nannten wir sie „Stiefurgroßeltern“, doch schon bald sollte sich, beeinflusst durch Film und Popkultur, zunehmend der Begriff „Zombie“ durchsetzen.

„Der gute Strom“

Zur Erbauung lief ausnahmsweise der Radioapparat. Im Stiefdeutschen Rundfunk kam entweder Sterbemusik von Rembrandt oder ein Sprecher schnarrte im Wochenschauton über das harte Los der Ostvertriebenen. Selbst das Deckenlicht war eingeschaltet – genau für solche Anlässe wurde „der gute Strom“ den Rest des Jahres über gespart. Wer damals bei uns daheim was sehen wollte, musste „eben die Augen aufsperren“, wie Stiefmutter schalt, wenn sie nachts vom Gerumpel unserer Treppenstürze auf dem Weg zur Toilette gestört wurde. Dann gab es obendrein noch Dresche.

NSU war damals eine angesehene Automarke in einem grauen Land, in dem der Weiße Riese und schwarze Pädagogik herrschten. Die Serie über eine Kindheit in der Westzone zwischen Umweltverschmutzung, Pellkartoffeln und Kaltem Krieg.

„Jetzt lasst uns fröhlich sein“, ergriff Stiefvater das Wort und drehte die Trauermusik weiter auf, bis sie beinah Zimmerlautstärke erreichte. Wie auf Kommando gingen die Mundwinkel nach oben, die sonst immer streng auf Halbmast hingen. Doch heute nicht, da wurde ja gefeiert. Natürlich war man in der welschen Mimik nicht geübt, so dass alle wirkten, als habe man Kriegsgefangenen mit Gewalt die Münder lachender Clowns aufgeschminkt.

Lecker Sohse

Kosten und Mühe wurden zwar gescheut, aber eben nicht im üblichen Maß. Wie sonst auch gab es Kartoffeln, Fleisch und (so gesprochen:) Sohse. Doch anstatt vom Hundefriedhof, stammte das Fleisch diesmal von einem, sowohl der Konsistenz als auch der vagen Identifizierung wegen, pauschal „Wildgulasch“ genannten Tier, das Stiefvater zur Feier des Tages frisch mit seinem VW Volkssturm überfahren hatte; zuweilen wurden sogar Erbsen aus der Büchse dazu gereicht: ein Fest! „Hmmm“, machte Stiefvater mit vollem Mund. „Kartoffeln, Fleisch und Sohse. Die Deutsche Küche ist doch die beste der Welt!“ Zackig riss er den rechten Arm nach oben. Wir waren schließlich unter uns – da wollte man sich auch mal so richtig wohlfühlen.

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Seit 2001 freier Autor für fast sämtliche Ressorts, vor allem Berlinkultur, taz2, die Wahrheit. Kolumnen, Glossen, Satiren. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor von zurzeit neun Büchern.

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